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Bedürfnis und Need: Eine Differenzierung

Hier ging es schon öfter um das emotionale Thema in Drehbüchern und dem damit zentral verbundenen Begriff „Bedürfnis“. Eine Ausdifferenzierung desselben kann nicht nur einem formelhaften Umgang damit vorbeugen, sondern hilft bei der Drehbuchentwicklung  auch bei der Fokussierung. Passend zu einem kürzlich hier geteilten Video widmet sich dieser Gastbeitrag von Ron Kellermann dieser Ausdifferenzierung.

Die Begriffe „Thema“, „Ziel“, „Bedürfnis“ und „Need“ sind grundlegende dramaturgische Begriffe, die einer Geschichte und den Figuren Klarheit, Tiefe und Mehrdimensionalität verleihen – sofern man sie eindeutig definiert und nicht miteinander gleichsetzt. Denn bei „Ziel – Bedürfnis“ und „Want – Need – Mode“ handelt es sich um zwei verschiedene Modelle, und dementsprechend erfüllen die Begriffe „Bedürfnis“ und „Need“ unterschiedliche dramaturgische Funktionen:

Im Ziel-Bedürfnis-Modell ist das Bedürfnis das, was die Figur motiviert: Liebe, Leben, Freiheit, Anerkennung, Selbstbestimmung, Nähe, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Loyalität, Status, Macht, Reichtum, Ruhm, Identität, Sicherheit, Unversehrtheit usw.

Sie will ihr Ziel erreichen, um ein solches Bedürfnis zu befriedigen, um – so könnte man fortführen – glücklich zu werden. Die Frage nach dem größten Glück, also dem Bedürfnis, das die Figur glaubt befriedigen zu müssen, um glücklich zu werden, ist deshalb eine der wichtigsten in der Entwicklung einer Figur. Genauso wichtig – gewissermaßen als Gegenpol – ist die Frage nach ihrer größten Angst, aus der heraus sich das Bedürfnis ergibt: Dem Bedürfnis nach Gemeinschaft liegt die Angst vor Einsamkeit zugrunde. Die Figur gerät dann im Laufe der Geschichte in eine Situation der Einsamkeit, wird also mit ihrer größten Angst konfrontiert, um am Ende wahre Gemeinschaft erfahren zu können. Aus diesem Bedürfnis entstehen also die Motivation und die Fallhöhe der Figur: Es steht etwas auf dem Spiel, sie verliert etwas, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht: ihre Liebe, ihr Leben, ihre Selbstbestimmung, ihre Gemeinschaft usw.

Dieses motivierende Bedürfnis kann falsch sein in dem Sinne, dass die Figur glaubt, es befriedigen zu müssen, um glücklich zu sein, aber nicht glücklich wird, wenn sie es befriedigt. Stattdessen muss sie ein anderes Bedürfnis befriedigen, das sie tatsächlich glücklich macht – ein tatsächliches Bedürfnis: Die Figuren des Pluralprotagonisten in „Little Miss Sunshine“ beispielsweise wollen den Schönheitswettbewerb gewinnen, um ihr (motivierendes) Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Anerkennung zu befriedigen. Das ist ihre Motivation, deshalb machen sie sich auf den Weg. Tatsächlich müssen sie aber wieder eine Familie werden, ihr (tatsächliches) Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit befriedigen, um glücklich zu werden. Am Ende erreichen sie zwar ihr Ziel nicht und können deshalb ihr motivierendes Bedürfnis nicht befriedigen, stattdessen befriedigen sie ihr tatsächliches Bedürfnis und sind glücklich.

Want – Need – Mode
Im „Want – Need – Mode“-Modell hat der (oder das) Need eine andere Bedeutung und Funktion als das motivierende und das tatsächliche Bedürfnis. Er wird hier nicht im Sinne eines Bedürfnisses verstanden, insbesondere nicht im Sinne eines falschen Bedürfnisses, sondern als ein unterdrückter Persönlichkeitsanteil, den die Figur wieder in ihre Persönlichkeit integrieren muss, um ein Bedürfnis zu befriedigen, das sie glücklich macht.
Romantic Comedys bauen in der Regel auf diesem Modell auf, aber auch Heldenreisen können nach ihm entwickelt werden. In „Hitch – Der Date Doctor“ beispielsweise ist Authentizität der Persönlichkeitsanteil, den Hitch unterdrückt. Erst wenn er diesen Anteil integriert, also wieder authentisch ist, kann er sein Bedürfnis nach Liebe befriedigen und mit Sara zusammen sein. Liebe ist in Romantic Comedys nie der Need, sondern die Belohnung für die Integration des Needs.

Der Need entsteht durch eine Verletzung in der Vergangenheit, durch eine „backstory wound“. Das Mode-Need-Modell (meines Wissens nach von Waldo Salt) geht davon aus, dass sich die Figur irgendwann in der Vergangenheit im Zustand der Ganzheit befindet. Dann geschieht etwas, das diese Ganzheit zerstört. Die Figur trägt eine Verletzung davon.

Aufgrund dieser Verletzung bildet die Figur ihren Mode, eine bestimmte Verhaltensweise, die sicherstellen soll, dass sie nicht noch einmal eine solche Verletzung erfährt. Der Mode ist also die Überlebensstrategie der Figur, bei Hitch die vermeintliche Coolness, die tatsächliche Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen. Für diese Strategie bezahlt sie jedoch einen hohen Preis: Sie muss einen Persönlichkeitsanteil unterdrücken. Durch das sogenannte Re-Wounding wird der Need gewissermaßen aktiviert und drängt immer mehr aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein, während der Mode ihn immer wieder daran hindern will. Irgendwann bricht der Need jedoch durch und der Mode zusammen, der Need ist integriert und die Figur wieder im Zustand der Ganzheit.

Ron Kellermann ist Dramaturg und Dozent für Drehbuch. Sein Buch „Fiktionales Schreiben – Geschichten entwickeln, Schreiben verbessern, Kreativität steigern“ ist im Emons Verlag, Köln erschienen. Link >

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