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Adaptionsnotizen: Oben ist es still

20133468_1_IMG_FIX_700x700“Oben ist es still” (Boven is het stil), der fünfte Langspielfilm der niederländischen Regisseurin Nanouk Leopold, wurde 2013 auf zahlreichen Festivals gezeigt, unter anderem auch auf der Berlinale. Bei der Umsetzung des auf einem Erfolgsroman des niederländischen Autors Gerbrand Bakker basierenden Films hat sich die Regisseurin viele Freiheiten genommen, so verzichtete sie etwa auf die tragikomischen Momente der Vorlage. In der Vater-Sohn-Beziehung bleibt der Film sehr nahe am Buch. Hier wie dort wartet der etwa 50-jährige Helmer – beeindruckend dargestellt von Jeroen Willems (1962 – 2012) – ungeduldig auf den Tod des dominanten Vaters. Einen eigenen Weg ist die Regisseurin in Bezug auf die Charakterisierung des Protagonisten gegangen. Während die Figur im Roman rückwärts (u. a. auf den Verlust der Zwillingsbruders) gerichtet ist, steuert der Film quasi auf ein Coming-Out zu. Stilistisch hat Leopold die Kargheit, die in Bakkers „Bauernroman“ durch eine einfache Sprache vermittelt wird, in trübe Bilder übersetzt. Für seine Bildsprache ist der Film beim Nederlands Film Festival unter anderem mit dem Kamerapreis ausgezeichnet worden.

Unterschiede zwischen Buch und Film
In der literarischen Vorlage wurde Helmer von seinem Vater gezwungen den Bauernhof zu übernehmen, nachdem der bevorzugte Sohn bei einem Autounfall verstarb, den dessen damalige Freundin Riet verursacht hatte. In der Gegenwart des Romans schickt eben diese Riet ihren fast erwachsenen Sohn zu Helmer. Auf diese Vorgeschichte, deren sich Helmer im Roman erinnert, wird im Film zur Gänze verzichtet. Im Film bleibt das entsprechende Auftauchen eines jungen Knechts auf Helmers Hof dann auch etwas mysteriös. Die Verachtung von Helmer für seinen Vater ist aber auch ohne diese Backstory verständlich, denn der Alte wird im Film mit einigen wenigen Szenen als herrische Figur etabliert. Als Folge des Verzichts auf die Vorgeschichte fehlt im Film das Thema der Bindung und Loslösung der Zwillingsbrüder. Um dieses Thema zu vermitteln wären Rückblenden oder Voiceover nötig gewesen, welche vielleicht Rhythmus und Ton des Films gestört hätten. Ersetzt wurde das Thema der nicht gelungenen Loslösung bzw. des traumatischen Verlusts des Zwillings jedenfalls durch ein anderes Thema, das im Buch allenfalls angedeutet ist, das aber thematisch verwandt ist: Helmers unterdrückte Homosexualität. In diese Richtung wurden einige Motive und Handlungsstränge des Buches umgelenkt. Während es in der Vorlage zum Beispiel die Nachbarin ist, die durchs Küchenfenster beobachtet wird, ist es im Film der Molkereifahrer, den Helmer aus der Deckung eines schmutzigen Fensters anstarrt. Es ist dieser Milchmann, der sich Helmer vorsichtig annähert, dann aus seinem Leben verschwindet um nach dem Tod des Vaters wieder zurück zukommen. In der Vorlage ist es ein ehemaliger Knecht, eine Art Ersatzvater, mit dem Helmer nach dem Tod des Alten wieder zusammen kommt. Dass es sowohl im Buch als auch im Film um unerfüllte Wünsche und um Sehnsucht, um Einsamkeit und Verlust geht, mag ein Grund sein, dass der Film trotz doch maßgeblicher Änderungen stimmig ist und der Regisseurin der Vorwurf mangelnder Werktreue im wesentlichen erspart geblieben sein dürfte.

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