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Bedürfnis/Need, Emotionales Thema, Psychologische Grundlagen

Drehbuchentwicklung: Psychologische Grundlagen

Eignen sich Bedürfnistheorien für die Entwicklung des emotionalen Themas (Need/Bedürfnis) in Drehbüchern?

Viele Diskussionen über emotionale Themen in Drehbüchern beschäftigen sich damit, welche universellen emotionalen Bedürfnisse es gibt, wie sie miteinander verwandt sind, wie sie interagieren und wie dies für die emotionale Zuschauerbindung im Film genutzt werden kann. Deswegen wenden wir uns hier versuchsweise einigen Bedürfnistheorien zu.

Vorwegnehmend kann festgestellt werden, dass sich die Modelle in ihren Kategorisierungen und Differenzierungen (z.B. in Hinblick auf die Ebenen Motivation, Gefühl, Bedürfnis) erheblich unterscheiden. Auch wenn die Kategorisierungen unterschiedlich sind, so kann man an den grafischen Darstellungen doch ablesen, dass die Verwandtschaftsverhältnisse von Bedürfnissen von den unterschiedlichen Theoretikern ähnlich gesehen werden. Das immerhin könnte sich bei der Bestimmung und Entwicklung von emotionalen Themen in Drehbüchern vielleicht als nützlich erweisen?

Wenn sich schon die Ansätze der Psychologen im Umgang mit Bedürfnissen und Emotionen unterscheiden, so gilt das erst recht für die Ansätze bei der Umsetzung derselben in Drehbüchern, das bedeutet: so wie es nicht die eine gültige psychologische Bedürfnisformel gibt, so existiert auch keine Formel im Umgang mit dem emotionalen Thema im Drehbuch.
Im letzten Teil des Artikels wird am Modell des britischen Autors und Dramaturgen Phil Parker gezeigt, wie Bedürfnisse in Zusammenhang mit einem filmischen Aspekt, in diesem Fall dem Genre, kategorisiert und angewendet werden können.

Der Klassiker: Abraham Maslow
Die Maslow’sche Bedürfnispyramide und ihre mittlerweile vielfach hinterfragte hierarchische Struktur ist allgemein bekannt:

1.  Physiologische Bedürfnisse: Die wichtigsten sind Hunger, Durst und Sexualität.
2.  Sicherheitsbedürfnisse: Bedürfnis nach Stabilität, Schutz, Freiheit von Angst und Chaos, Struktur, Ordnung, Gesetz. Menschen wünschen sich eine vorhersagbare Welt. Chaos und Ungerechtigkeit tragen zur Verunsicherung bei.
3.  Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse (Familie, Partnerschaft, Freundschaft)
4.  Wertschätzungs- und Geltungsbedürfnis: Das Bedürfnis umfasst zum einen den Wunsch nach Stärke, Leistung und Kompetenz, zum anderen das Verlangen nach Prestige, Status, Ruhm und Macht. Darauf gründet sich das Selbstwertgefühl eines Menschen.
5.  Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (Wachstumsbedürfnis, Selbstaktualisierung): Damit spricht Maslow das Streben nach der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit an. Die Effekte dieses Strebens sind von Person zu Person sehr unterschiedlich.

Der Träger des alternativen Nobelpreises: Manfred Max-Neef
Bei Max-Neef stehen die Bedürfnisse in einer Wechselbeziehung. Bedürfnisbefriedigung ist bei ihm ein dynamischer Prozess, charakterisiert durch Gleichzeitigkeit, Komplementarität und Kompensation (Trade-off), und findet auf unterschiedlichen Niveaus und mit unterschiedlicher Intensität statt sowie in dreifachem Kontext:
– in Beziehung mit sich selbst (Eigenwelt)
– in Beziehung mit der sozialen Gruppe (Mitwelt)
– in Beziehung mit der Umwelt.

Max-Neef unterscheidet: Lebenserhaltung, Sicherheit, Zuwendung, Verständnis, Teilnahme, Muße, Kreativität, Identität, Freiheit. Was auf den ersten Blick ähnlich wie bei Maslow klingen mag, unterscheidet sich beim genaueren Hinsehen doch erheblich:

Der Friedensorientierte: Marshall B. Rosenberg
Rosenberg hat seine Kategorien aus einem Modell der gewaltfreien Kommunikation entwickelt: Autonomie (Freiheit, Wahl, Individualität), Feiern (Geburt und Tod, Lebensübergänge), Würde (Sinn, Selbstwert, Kreativität, Authentizität), Kontakt (Wertschätzung, Nähe, Liebe, Geborgenheit), Physische Existenz (Luft, Nahrung, Bewegung, Erholung), Spiel (Freude, Lachen, Zweckfreiheit), Spiritualität (Schönheit, Frieden, Inspiration)

Emotionale Wünsche und Bedürfnisse beim Autor und Dramaturgen Phil Parker
Parkers Annäherung an das Thema ist beachtenswert, weil er von Genres ausgehend – und damit kennt er sich bekanntlich aus – Bedürfnisse untersucht und interessante Schlüsse für die Drehbuchentwicklung zieht.

1. Wunsch nach Gerechtigkeit: Wenn wir sehen, dass eine Ungerechtigkeit begangen wird, dann wollen wir, dass die Gerechtigkeit wieder hergestellt wird. (…) Dieses Thema wird in fast allen Erzählungen veranschaulicht, in denen es um die Ermittlung von Verbrechen geht oder die auf Gerichtsprozessen beruhen.

2. Das Streben Nach Liebe: Das Gefühl allein zu sein, erfahren die meisten Menschen. Wir möchten sehen, wie andere mit dieser Situation umgehen, insbesondere wie sie sich dem emotionalen Bedürfnis stellen, das häufig dadurch entsteht. (…) Alle Liebesgeschichten veranschaulichen dieses Thema.

3. Die Moralität des Einzelnen: Es geht darum, dass eine Wahl getroffen werden muss zwischen etwas, das als gut definiert ist, und etwas, das als schlecht definiert ist. Es hängt vom Autor ab, was als gut oder schlecht definiert ist.

4. Der Wunsch nach Ordnung: Das Chaos existiert oder ist eine Bedrohung. Wir wünschen uns, dass die Ordnung durchgesetzt wird, damit das Alltagsleben funktioniert.

5. Das Streben nach Vergnügen: Vergnügen ist möglich und wir möchten gern Anteil an dieser Erfahrung haben. (…) Komödien basieren sehr stark auf diesem Thema.

6. Die Angst vor dem Tod: Sterblichkeit ist eine Tatsache des Lebens. Wir wollen sehen, wie andere Menschen mit der Bedrohung des Todes zurechtkommen. (…) Dieses Thema liegt vielen Horrorfilmen zu Grunde, (…) aber es ist auch Grundlage von Charakterdramen.

7. Die Angst vor dem Unbekannten: Niemand weiß alles. Selbst kollektiv gesehen, kämpft die Menschheit noch immer damit, die Größe der Lebenserfahrungen auf diesem Planeten zu erfassen, geschweige denn das Universum. In diesem Zusammenhang erkennt jeder Mensch an einem bestimmten Punkt seine Unfähigkeit zu verstehen, was mit ihm und mit der Welt um ihn herum passiert. (…) Dies ist die Grundlage der meisten Horrorfilme, (…) aber auch von Sci-Fi-Filmen und Charakterdramen.

8. Der Wunsch nach Anerkennung: Jedes menschliche Wesen ist einzigartig. Die Frage ist, inwieweit diese Einzigartigkeit ein Problem darstellt, wenn sie mit anderen Menschen konfrontiert wird (…). Wer dieses Problem erkennt, hat den Wunsch, dass die persönlichen Entscheidungen anerkannt werden, die im Zusammenhang mit einer Gemeinschaft getroffen werden. Dies ist die Grundlage der meisten Charakterdramen.
(Aus: Die Kreative Matrix)

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