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Bedürfnis/Need, Emotionales Thema, Psychologische Grundlagen

Thema/Bedürfnis: Emotionale Zuschauerbindung

Need & Co.
Die Darstellung universeller Gefühle gilt als eine der wichtigsten „Zutaten“ für erfolgreiche Drehbücher. Die (z.T. auf Frank Daniel basierenden) Theorien von Dagmar Benke, Oliver Schütte, Phil Parker, Robert McKee und John Truby unterscheiden sich gelegentlich in den Begrifflichkeiten, jedoch nicht in ihrer Einschätzung der Bedeutung des emotionalen Themas. Ob es nun als Bedürfnis*, emotionales Thema oder Need bezeichnet wird: Für alle genannten Drehbuchexperten gibt es diese mehr oder weniger universellen menschlichen Erfahrungen, die für die Zuschauerbindung unverzichtbar sind. Übereinstimmung herrscht mehr oder weniger auch in der überschaubaren Anzahl dieser Bedürfnisse.

Bedürfnisse bei Benke, Schütte und Parker
In „Script Development“ (UVK Verlag) nähert sich die Seger-Schülerin Dagmar Benke († 2007) mit Gegensatz oder komplementären Paaren an emotionale Themen an: Egoismus versus Selbstlosigkeit, Vertrauen versus Verrat, Verachtung versus Respekt, Ordnung versus Chaos, Liebe versus Hass, Hoffnung auf Leben versus Angst vor dem Tod, Schuld und Sühne.
Auf eine Anzahl von universellen Bedürfnissen will sich Benke in Anspielung auf andere Kollegen in ihrem Buch nicht festlegen, lieber zählt sie filmische Beispiele für die wichtigsten – von menschlichen Gefühlen und Grundfragen (!) ausgehenden – Themen auf:

Selbstachtung und Anerkennung („Bug’s Life“, „Rossini“),
Vertrauen und Verrat („Lantana“, „Memento“),
Schuld und Sühne („Magnolia“),
Würde, Anerkennung, Respekt („Nachtgestalten“),
Emotionale Kälte, Mangel an Bindung („Ice Storm“),
Angst nach und Sehnsucht vor Veränderung („Gilbert Grape“), I
Identität („Good Bye, Lenin!“, „Mephisto“),

In fünf Filmanalysen in „Freistil – Dramaturgie für Fortgeschrittene und Experimentierfreudige“ (Bastei Lübbe) hat sie noch ein paar Themenkomplexe mehr gefunden: Verlust/Verantwortung/Verdrängung („The Sweet Hereafter“, „Short Cuts“), Vertrauen und Verrat/Erinnerung und Identität („Memento“), Stellung beziehen („Before the Rain“).

Beispiel: Identität
Da das Thema im Bezug zu einem grundlegenden menschlichen Bedürfnis stehe, gibt es auch bei Oliver Schütte ein beschränktes Arsenal an möglichen Bedürfnissen. Genannt werden in Schüttes „Die Kunst des Drehbuchlesens“ (Bastei Lübbe): Liebe, Vertrauen, Anerkennung, Unabhängigkeit, Erwachsenwerden, Identität. In seiner Analyse von „Mephisto“ beschreibt er das Bedürfnis nach Identität als ein Streben nach einer eigenen Persönlichkeit, nach einer eigenen Haltung, nach Befreiung von Maskierungen. Dieses Bedürfnis hat mit Ehrlichkeit zu tun und ist insofern gegenläufig zu dem der Anerkennung, als es beim Streben nach Identität auch darum geht, sich von dem Bedürfnis nach Anerkennung zu befreien und so zu sein, wie man ist (vgl. 28 ff, 39, 53, 79).

Auch in „Die kreative Matrix“ (UVK Verlag) des Briten Phil Parker ist das Thema neben der Geschichte (Story) ein zentraler Aspekt, mit dem grundlegende menschliche Erfahrungen ausgedrückt und allgemeine emotionale Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck gebracht werden. Parker fasst sie in acht verschiedene Themenbereiche zusammen:

1. Wunsch nach Ordnung,
2. Wunsch nach Gerechtigkeit,
3. Wunsch nach Anerkennung,
4. Streben nach Liebe,
5. Streben nach Vergnügen,
6. Moralität des Einzelnen,
7. Angst vor dem Tod
8. Anst vor dem Unbekannten.
(Identität wird bei Parker nicht genannt).

Das Bedürfnis ist im Parker’schen Ansatz nicht zwingend unbewusst und auch nicht zwingend etwas, das die Figur braucht, um vollständig zu werden. Parkers Augenmerk liegt etwas mehr auf der Bedeutung des Themas im Hinblick auf die Genreentwicklung, als das bei Schütte und Benke der Fall ist.

Die Enthüllung des Innersten bei McKee
Die emotionale Wahrheit muss enthüllt werden. Das bedeutet, dass eine Figur im Verlauf zunehmender Herausforderungen eine immer größere Bandbreite von emotionalen Reaktionen zeigt. Zum Schluss sorgt die letzte Herausforderung für eine Enthüllung und Veränderung der gesamten Haltung gegenüber der Person oder Situation, die Ursprung des Konflikts war. Robert McKee, Autor von „Story“ (Alexander Verlag), unterscheidet die Charakterisierung (alle beobachtbaren Eigenschaften wie Erscheinung, Sprache, Alter etc.) vom wahren Charakter der Figur. Der wahre Charakter kommt zum Vorschein, wenn die Figur unter Druck handelt: „Die Enthüllung des Tiefencharakters im Kontrast oder Widerspruch zur Charakterisierung ist von grundlegender Bedeutung für die Hauptfiguren. (…) Das beste Schreiben enthüllt nicht nur den wahren Charakter der Figur, sondern treibt ihre innere Natur im Laufe der Erzählung auf die Spitze oder verändert ihr innerstes Wesen zum Besseren oder zum Schlechteren.“ Am Ende wird das wahre Wesen bis in die Tiefe des unbewussten Selbst enthüllt.

Moralisches Bedürfnis und Schwäche bei Truby
Eine Variation des obigen ist in John Trubys „The Anatomy Of Story“ nachzulesen: Bei ihm hat eine Figur eine oder mehrere Schwächen, die ihr im Weg stehen. Das können Fähigkeiten, Charaktereigenschaften o.a. sein. In Zusammenhang damit, fehlt ihr etwas, das so tief geht, dass es ihr Leben ruiniert. Das ist auch bei Truby ein „need“ genanntes unbewusstes Bedürfnis wie Respekt oder Anerkennung. Trubys Ansatz geht aber insofern weiter, als er den Protagonisten neben dem psychologischen Bedürfnis, gerne auch ein moralisches verordnen würde, welches sich vom ersten ableitet. Eine Figur mit einem moralischen Bedürfnis ist eine Figur, die andere verletzt und diese moralische Schwäche am Ende überwinden muss.

* Thema: Universelles menschliches Gefühl, das dem Film einen inneren Zusammenhalt gibt, der die Zuschauer unabhängig von ihrer geografischen, kulturellen oder sozialen Zugehörigkeit emotional anspricht. (Aus: Benke, Dagmar. Freistil)

Bedürfnis (need): Be- oder unbewusster Wunsch oder Sehnsucht einer Figur. Das, was die Figur treibt; was sie braucht um, als Mensch vollständiger/glücklicher zu werden. Die Erfüllung des Bedürfnisses einer Figur kann zu einem als glücklich empfundenen Ende führen, auch wenn die Figur ihr Ziel nicht erreicht. (Aus: Benke, Dagmar. Freistil)

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