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Genre, Kriegsfilm

Die Kriege im Mittleren Osten [Updated]

Jarhead 3
Image by andy z via Flickr

Der Kanadier Paul Haggis („In the Valley of Elah“), der Brite Nick Broomfield („Battle of Haditha“), der Amerikaner Brian De Palma („Redacted“), sie alle haben kürzlich Filme über kriegerische Auseinandersetzungen im Mittleren Osten gedreht. Matt Damon spielt in „Green Zone“, Jamie Foxx in „The Kingdom“ (Regie: Peter Berg) und Meryl Streep in „Lions for Lambs“ (Regie: Robert Redford), doch trotz Starpower bei Cast und Regie wollten die Amerikaner/innen diese Filme nicht sehen. Nicht immer lag das an der Qualität der Produktionen. Die am häufigsten angeführte Erklärung für die mäßigen Erfolge: Die Menschen wollen keine (Anti)Kriegsfilme über Konflikte sehen, die noch nicht ausgestanden sind.

Jarhead
(Regie: Sam Mendes; Drehbuch: William Broyles nach den Memoiren von Anthony Swofford)
(Budget: 72 Mio. $; Einspielergebnis: USA 62 Mio $, weltweit 96 Mio. $)

Sam Mendes‘ relativ teurer Spielfilm „Jarhead“ (2005) über den Zweiten Golfkrieg (Erster Irakkrieg, 1990/91) war bei der Kritik und am Box Office mäßig erfolgreich. Es handelt sich um einen Kriegsfilm, der ohne Gemetzel des (US-amerikanischen) Bodenpersonals auskommt. Statt von den Irakern werden die Marines im Film versehentlich von den eigenen Leuten beschossen und das einzige Mal, wo sie ihre Waffen anlegen, stellt sich heraus, dass sie friedlichen Wüstennomaden gegenüber stehen. Der Anblick apokalyptisch brennender Ölquellen ist dann auch der gewaltigste Eindruck, der sich den Soldaten in diesem Krieg bietet. Der audiovisuelle Stil (Soundtrack von Thomas Newman!) des Films ist eher von Desert Racing denn von Desert Storm inspiriert und mag auf einen Schulabgänger im ersten Anschein durchaus reizvoll wirken. Der 20jährige Anthony „Swoff“ Swofford auf die Frage, was er in Saudia-Arabien macht: „Sir, I got lost on the way to college, sir“. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst erkannt, dass er die falsche Wahl getroffen hat, aber der Scharfschütze Swoff hat Glück: nach einigen Monaten des Wartens kehrt er – ohne je einen Schuss abgegeben zu haben – heil wieder nach Hause zurück. Dass er trotzdem niemals vergessen wird, was er erlebt hat, drückt er am Ende so aus: „all the jarheads killing and dying, they will always be me.“

Battle of Haditha
(Regie und Drehbuch: Nick Broomfield)
(Budget: k. A.; Einspielergebnis: 245.521 $)
Was eingebrannte Erinnerungen im Ernstfall bedeuten, drückt der US-Marine Ramirez – nachdem er wegen 13-fachen Mordes angeklagt wird – so aus: „Mit der Zeit stumpft man einfach ab und empfindet nichts mehr“. Dokumentarfilmer Broomfield fiktionalisiert im recht gut besprochenen (Rotten Tomatoes: 67%) Spielfilm „Battle of Haditha“ (2007) ein Massaker, das Soldaten des United States Marine Corps im Jahr 2005 an der irakischen Zivilbevölkerung begangen haben. Broomfield gelingt es, eine Kriegssituation zu beschreiben, aus der es kein Entkommen gibt, weder für die irakischen Zivilisten, noch für die amerikanischen Soldaten. Junge Frauen und Männer werden an Orte geschickt, wo sie von vornherein auf verlorenem Posten stehen und wo die Behandlung kriegsbedingter Traumata auf das Ende einer Dienstzeit verschoben wird. Bittere Ironie des Schicksals oder besonders krasses Beispiel für eine herkunftsbedingte Negativspirale: Soldat Ramirez hat bei den Marines unterschrieben, weil er seiner Heimatstadt Philadelphia – US-Stadt mit der höchsten Mordrate – entkommen wollte.

In the Valley of Elah
(Regie: Paul Haggis nach einem Artikel von Mark Boal)
(Budget: 23 Mio. $; Einspielergebnis: 29 Mio. $)

Ein anderer Film, in dem in der Fremde gekämpft und zu Hause gestorben wird: In Paul Haggis’ mäßig gut besprochenen Drama „In the valley of Elah“ (2007) verschwindet ein Soldat nach seiner Rückkehr aus dem Irak in den USA. Angeblich ist der junge Mann untergetaucht, aber bald werden unweit des heimischen Stützpunktes seine angesengten und zerstückelten Körperteile entdeckt. In die Ermittlungen schaltet sich Hank Deerfield, der Vater des Soldaten, ein. Der Kriegsveteran und ehemalige Militärpolizist muss bald erkennen, dass er – bei aller guten Absicht – seinem Sohn kein guter Vater gewesen ist. Wenn es im Hauptplot um die individuelle Tragödie des Vaters geht, der nicht erkannt hat, dass der Krieg sein Kind zerstören wird, geht es auf einer kollektiven Ebene um dasselbe Thema: Jungen Männern und Frauen wird das Mitgefühl und das Gewissen ausgetrieben, damit sie im Kampf funktionieren. Die Gesellschaft nimmt die Kollateralschäden, die der Krieg in der Psyche der Soldaten verursacht, (beschämt) in Kauf. Wenn es in Folge von unbewältigtem Stress zu Exzessen der Grausamkeit kommt, treibt das dann aber sogar abgebrühten Kriegsveteranen wie Deerfield das Entsetzen in die Glieder und erschüttert deren Glauben an den „guten Krieg“.

Lions for Lambs
(Regie: Robert Redford nach ein Drehbuch von Matthew Michael Carnahan)
(Budget: 35 Mio. $; Einspielergebnis: USA 15 Mio. $, weltweit 63 Mio. $)

Um den „guten“ und den „falschen“ Krieg geht’s auch in Robert Redford’s bei der Kritik weniger beliebten Drama „Lions for Lambs“ (2007). Zwei Männer laden zum Gespräch: Ein republikanischer Senator, der eine Journalistin zu Propagandazwecken für eine angeblich „neue“ Kriegs-Strategie in Afghanistan nutzen will und ein College-Professor, der einen begabten, aber von der realen (Kriegs)Politik abgestoßenen Studenten davon überzeugen will, dass nicht alle Politiker Lügner sind und sich die Beschäftigung mit Politikwissenschaft lohnt. Während der Professor gegen die Politikverdrossenheit des smarten Jungen anredet und der Senator die Journalistin zu korrumpieren versucht, brechen zwei Ex-Studenten des Professors in Afghanistan zu eben jener Kampfoffensive auf, für die der Senator gerade wirbt und noch ehe das diskursive Ringen um politische Vernunft in den Büros zu Hause zu einem Ergebnis gekommen ist, werden die zwei Jungen im verschneiten Afghanistan im Kugelhagel sterben. Letzten Endes sind die diskursiven Gefechte der beiden Gesprächspaare über politisches Handeln, Denken und Tun zwar durchaus interessant, der Erfahrungsgewinn und die Spannung halten sich aber in Grenzen. 

Three Kings
(Regie und Drehbuch: David O. Russell nach einer Story von John Ridley)
(Budget: 75 Mio. $; Einspielergebnis: 107 Mio. $)

Dürftig ist der Erkenntnisgewinn auch bei der relativ gut besprochenen Action-Comedy „Three Kings“ (1999) von David O. Russell. Die Geschichte, die wie eine Kriegssatire beginnt, spielt kurz nach Ende des Zweiten Golfkriegs (bzw. Erster Irakkrieg, 1990/91): Die irakische Armee hat sich aus Kuwait zurückgezogen und ist im Irak nun damit beschäftigt, die Aufständischen unter Kontrolle zu bringen. Ein paar amerikanische Soldaten finden bei einem irakischen Kriegsgefangenen eine Karte, die zu einem Bunker führe, in dem Saddam das Gold aus dem Kuwait versteckt haben soll. Unter Führung von Special Forces Soldat Archie Gates (George Clooney), der vom Krieg die Nase voll hat, setzen sich ein paar Männer von ihrem Posten ab und folgen der Schatzkarte. Sie werden tatsächlich fündig und von den Iraker nicht daran gehindert, die Kriegsbeute aus dem Kuwait zu „beschlagnahmen“. Im Gegenteil, die irakischen Soldaten helfen sogar beim Verladen des Goldes, damit sie sich so bald wie möglich ungestört mit den Aufständischen beschäftigen können. Auch wenn es zunächst so aussieht, als würden sich die Amerikaner ganz unehrenhaft mit dem gestohlenen Schatz aus dem Staub machen, so werden sie am Ende doch noch ihrer „Bestimmung“ als Helden gerecht werden: Sie retten die Aufständischen vor Saddam Husseins Schergen und bringen sie in die Freiheit. God bless America.

The Hurt Locker
(Regie: Kathryn Bigelow nach einem Drehbuch von Mark Boal)
(Budget: 15 Mio. $; Einspielergebnis: 49 $)

Mit einem Gewinn von 34 Mio. $ übertrifft das mit ca. 11 Mio. $ relativ günstige Drama „The Hurt Locker“ (2008)“ das Einspielergebnis der eben genannten Big-Budget-Produktion. Der preisgekrönte Actionfilm von Kathryn Bigelow ist im Bagdad des Zweiten Irakkriegs (2003) angesiedelt. Darin geht es um eine kleine Spezialeinheit rund um den Bombenentschärfer William James, der sich bei jedem Kampfeinsatz in Lebensgefahr begibt. In „The Hurt Locker“ erfahren wir nicht, wer die potentiellen Opfer der Anschläge und wer die Täter sind und es wird auch nicht thematisiert, welche Gruppen – auch mit dem Mittel des Bürgerkrieges – auf irakischem Boden einen Krieg gegen den Westen führen. Es geht in diesem Film vielmehr um den Lebens- und Todestrieb, mit dem Menschen Kriegsdienste leisten. Mit der Figur des Bombenentschärfer James hat Bigelow dem Typ des kollabierenden Soldaten, wie sie in „Battle of Haditha“ und anderen Filmen dargestellt werden, eine Figur hinzugefügt – man könnte auch sagen, entgegengesetzt – die in das Action Genre passt: William James ist süchtig nach dem Kick. Jeder Kampfeinsatz ist für ihn wie ein Spieleinsatz: Wird er überleben oder sterben? James verwahrt das Foto seines Sohnes in einer Kiste mit Dingen, die ihm fast das Leben gekostet hätten: Teile von Bomben, die er entschärft hat. Der Typ des Adrenalin getriebenen Junkies, den der Kick immer wieder auf das Schlachtfeld treibt, ist zwar nicht neu, findet in dieser Figur aber dennoch eine interessante Ausgestaltung. Familien- und Alltagsleben sind James’ Sache nicht. Einkaufstouren oder Gute-Nacht-Geschichten machen ihn müde. Damit er lebendig wird, braucht es schon mehr. Da muss es schon Krachen. So beginnt „The Hurt Locker“ dann auch mit den Worten „war is a drug“. Vielen Kriegsfilmen ist bekanntlich die Botschaft gemeinsam, dass ganz bestimmte junge Menschen auf Grund charakterlicher oder herkunftsbedingter Eigenschaften in komplexen Kriegssituationen „stranden“, in der sie früher oder später mit der obligatorischen Frage konfrontiert werden: Lohnt es sich dafür zu sterben? Diese Frage stellt sich Action-Held James eher selten.

Bemerkenswert an einigen dieser neueren Kriegsfilme ist, dass sie erfahrbar machen, wie verstörend es für die zum Kampf verpflichteten Soldaten sein muss, einen Krieg zu führen, über deren geopolitische und ökonomische Ursachen sie durch die omnipräsenten Medien „aufgeklärt“ werden und die ihnen permanent vor Augen führen, dass der von ihnen geführte Kampf nur sehr unmittelbar mit ihrem Leben und dem ihrer Familien zu tun hat.

Related Audio:
npr: Military vs. Tinseltown über die „Zusammenarbeit“ von Hollywood und Pentagon.
Flixe: Materialsammlung zum Kriegsfilm

 

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