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Frauenfiguren, Stoff & Storytelling

We Shall Overcome

Quotendebatte 
Nachdem vor einigen Monaten auf der Berlinale wegen des niedrigen Anteils weiblicher Regiearbeiten im deutschen Fernsehen (11 %) über eine Quote diskutiert wurde, tobt jetzt in Österreich eine ähnlich gelagerte Debatte. Mit Blick auf die Statistik – die hierzulande etwa eine Unterrepräsentation von Regisseurinnen bei Förderzusagen belegt – wird in der Branche um Lösungsansätze gerungen. Weil etwa 83 % der Entscheidungsträger in Produktionsfirmen männlich sind, fordert die Vernetzungsplattform FC Gloria ein Anreizmodell, damit die Produzenten mehr Projekte von Frauen einreichen.

Dass in Deutschland relativ wenige Filme von Frauen gefördert bzw. finanziert werden, spiegelt sich auch in deren Präsenz auf Festivals wider. Eine aktuelle Gender-Studie der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) belegt, dass Frauen im Programm deutscher Filmfestivals mit 27 % deutlich unterrepräsentiert sind. Ähnliches gilt für renommierte internationale Events. In Cannes beispielsweise wurden zuletzt nur 3 von 21 Filmen im Wettbewerb von Frauen inszeniert. Immerhin hatten 11 Wettbewerbsbeiträge interessante weibliche Protagonistinnen. Dass die Goldene Palme dann für das Milieu-Drama „I, Daniel Blake“ an Ken Loach vergeben wurde, hat nicht nur bei Kritiker/inne/n, die Maren Ades „Toni Erdmann“ favorisierten, für Unverständnis gesorgt.

Gender Pay Gap
In der US-amerikanischen Filmindustrie wird zwar nicht um Fördergelder gestritten, unter dem Stichwort Gender Pay Gap haben zuletzt aber einige prominente Schauspielerinnen die Gehaltsunterschiede angeprangert, die in ihrem Metier zwischen Männern und Frauen bestehen. Lohngleichheit hat etwa Patricia Arquette („Boyhood“) in einer vielbeachteten Rede bei der Oscarverleihung 2015 gefordert. Der Forderung angeschlossen hat sich unter anderem Jennifer Lawrence („The Hunger Games“), nachdem durch den Sony-Hack bekannt wurde, dass die junge Aktrice für ihre Darstellung in „American Hustle“ weniger verdient hat, als ihre Kollegen Bradley Cooper, Christian Bale und Jeremy Renner, und das obwohl die Oscar-Preisträgerin Lawrence mit ihrem weltweiten Einspielergebnis von 5,1 Mrd.$ inzwischen sowohl Cooper (4,9 Mrd.) als auch Bale (4,3 Mrd.) überholt hat.

Während die Gehaltsunterschiede von weiblichen und männlichen Superstars zunächst einmal auf ein gesellschaftliches Problem verweisen, das viele Branchen betrifft, nähert man sich mit der Kritik am Gender-Gap bei Förderergebnissen und Festivalpräsenzen einem strukturellen Problem an, das die Ursache für etwas ist, das Menschen mit Gender-Bewusstsein schon lange ein Dorn im Auge ist: Die Schieflage in der medialen Darstellung der Geschlechter. Seit mindestens einem halben Jahrhundert beschäftigen sich Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit Gender-Aspekten in der Filmkunst, etwa mit stereotypen Rollenbildern (Stichwort damsel in distress), mit dem männlichen Blick auf Frauen, mit fehlenden Identifikationsfiguren für Mädchen usw. usf. Erst kürzlich hat die Kulturjournalistin Sabine Horst in einem Artikel auf Zeit Online ausgeführt, dass sich Frauen im bislang männerdominierten Spektakel-Kino zu identifizieren vermochten, weil sie heimlich miterzählt wurden. Dass man auch als Frau mit männlichen Protagonisten fühlt, bedeutet aber nicht, dass man auf weibliche Heroinen verzichten kann. Auch wenn die Hälfte der Hauptfiguren im diesjährigen Cannes-Wettbewerb weiblich waren und es Frauen auf den Kinoleinwänden immer öfter krachen lassen, bleibt noch einiges zu tun, und zwar nicht nur was zum Beispiel den Redeanteil von älteren Frauen in Hollywood-Filmen angeht.

Gender Fights in den sozialen Netzwerken
In der Debatte um Präsenz und Präsentation von Frauen hinter und vor der Kamera spielen die sozialen Netzwerke eine zunehmend wichtige Rolle. Nachdem zum Beispiel Schauspielerin Rose McGowan („Charmed“) mit einem Internetposting Aufruhr über die „X-Men“-Werbekampagne ausgelöst hat, musste sich 20th Century Fox für ein Bild entschuldigen, auf dem Mystique (Jennifer Lawrence) gewürgt wird. Weil im Bildausschnitt der Kontext fehlt, wird dem Studio vorgeworfen, mit dem Material willkürliche Gewalt an Frauen zu promoten.
Die Diskussion über die Nachfolge von Daniel Craig als James Bond hat Gillian Anderson („X-Files“) angefacht, indem sie sich auf Twitter als „Jane Bond“ ins Spiel brachte. Das hat der britischen Schauspielerin zwar einige mediale Aufmerksamkeit beschert, Gespräche über die Bond-Besetzung werden Internetgerüchten zufolge derzeit aber wieder mit weißen Männern geführt. Ein Spin-Off mit einer weiblichen 007-Agentin im Bond-Universum wäre aber unter Umständen auch ratsamer, denn Frauen, die es wagen in männliche Fußstapfen zu treten, müssen einiges aushalten. Während Rey (Daisy Ridley) aus „Star Wars: The Force Awakens“ von einer vergleichsweise kleinen Männergruppe angegriffen wurde, hat es Paul Feigs Geisterjägerinnen (Kristen Wiig, Melissa McCarthy & Co.) voll erwischt. Der Trailer zum Reboot von „Ghostbusters“ (1984) hat es ohne große Mühe zum meist gehassten Trailer aller Zeiten geschafft. In zahlreichen Artikeln, die sich mit den frauenfeindlichen Reaktionen der „Ghostbusters“-Fans beschäftigen, wird vor der Lektüre von deren unappetitlichen Kommentaren gewarnt. Davon kann man tatsächlich nur abraten und stattdessen einen Kinobesuch empfehlen. „Ghostbusters“ startet am 4. August 2016.

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