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Adaption, Trend

Trend: Adaption von Magazin-Artikeln [Updated]

True Stories
Für nicht wenige TV-Autor/inn/en dürfte die Lektüre der Lokalseiten mit ihren Geschichten über Kleinkriminelle, Nachbarschaftsfehden oder Politikerdramen zur täglichen Arbeit gehören, aber nicht nur TV-Autor/inn/en lassen sich von Zeitungsmeldungen inspirieren, auch Kinofilme basieren immer öfter auf journalistischen Texten. Zwar sind Artikel-Adaptionen keine Innovation – zum Beispiel basierten schon der Box-Office-Hit „Top Gun“ (Regie: Tony Scott, 1986) oder etwa auch das Drama „Heavenly Creatures“ (Regie: Peter Jackson, 1994) auf Zeitungsartikeln – zuletzt hat sich diese Praxis aber zu einem Trend ausgewachsen.

Nachfrage: Cross-over entertainment properties
In der Berichterstattung über die US-amerikanische Filmindustrie geht es häufig um „branded content“, „entertainment properties“ und „built-in audience“. Das zeugt einerseits davon, dass (fiktionale) Medieninhalte in den USA viel mehr als Produkte verstanden werden, als zum Beispiel in Europa, wo Filme unter ganz anderen wirtschaftlichen und kulturpolitischen Rahmenbedingungen entstehen, das „wording“ resultiert aber auch aus einer Entwicklung, die weltweit stattfindet, nämlich aus einer Revolution der Medienlandschaft. Durch das Internet und die Verbreitung von Geräten wie Notebooks, Tablets und Smartphones ist die Nutzung von multimedialen Inhalten jederzeit und überall möglich geworden. Das hat nicht nur zu einer größeren Nachfrage und einem größeren Angebot von Inhalten geführt, sondern auch dazu, dass um Stories gerangelt wird, die potentiell einen Massengeschmack treffen und cross- oder gar transmedial ausgewertet werden könnten. Auf den Zusammenhang des Trends zur Adaption von Magazin-Artikeln mit dem Trend zu trans- oder crossmedialem Erzählen wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen. Auch auf die Erörterung der juristischen Vorteile, die sich in den USA durch den Kauf von Rechten auf Magazin-Artikel für die produzierenden Firmen ergeben, muss an dieser Stelle verzichtet werden.

Fundgruben: WIRED, The New Yorker & Co

The New Yorker

The New Yorker (Photo credit: Wikipedia)

In der US-amerikanischen Filmwirtschaft kommt es nicht selten vor, dass ein Drehbuch schon parallel zu einem Magazin-Artikel entsteht, oder dass Artikel im Hinblick auf eine mögliche filmische Adaption geschrieben werden. In einem Interview mit Kim Masters auf „The Business“ (KCRW) hat Autor Mark Boal  berichtet, dass „The Hurt Locker“ (Regie: Kathryn Bigelow) nicht wie gelegentlich zu lesen auf einem Artikel basiere, sondern dass er Artikel und Drehbuch parallel verfasst habe. Das war, nachdem Paul Haggis das Drama „In the Valley of Elah“ nach dem Boal-Artikel „Death and Dishonor“ (Playboy, 2004) realisiert hatte.
Um ein Beispiel für einen Artikel, der als Vehikel für einen Film in Auftrag gegeben wurde, handelt es sich bei “How the CIA Used a Fake Sci-Fi Flick to Rescue Americans From Tehran” (WIRED, April 2001). Warum er bei der Produktion des diesjährigen Oscar-Gewinners „Argo“ (Regie: Ben Affleck) diesen Umweg gegangen ist, berichtet Producer und „true-story-guy“ David Klawans ebenfalls in The Business.

Von Interesse ist hier auch die (Entstehungs-)Geschichte des Kultfilms „Adaptation“ (Regie: Spike Jonze, 2002), welche einiges über die Risiken von Adaptionsvorhaben erzählt. In einem Interview mit about.com ließ Producer Edward Saxon wissen, dass die Produktionsfirma ursprünglich den Artikel „Orchid Fever“ (The New Yorker, Januar 1995) optionierte, weil man die Figur des Orchideendiebs spannend fand. Das nachgelieferte Buch war dann aber nicht gerade die optimale Vorlage für einen Film. Die Art und Weise, wie der Drehbuchautor Charlie Kaufman die Adaptionshürden gemeistert hat, bescherte ihm bekanntlich einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

Gut recherchierte Stories
Der Vorteil, auf (gelegentlich) Treatment ähnliche, aber jedenfalls bei Leser/inne/n beliebte Stories zurückgreifen zu können, ist offensichtlich. Ein zentrales Thema in Gesprächen über Artikel-Adaptionen ist die Recherche und das verweist auf einen weniger offensichtlichen Vorteil, der bei der Adaption von Artikeln zum Tragen kommt. Diese Texte (Reportagen, Porträts etc.) werden von Autor/innen verfasst, die im besten Fall gute Geschichtenerzähler/innen sind, es handelt sich aber auf jedem Fall um Werke von Autor/innen, für die Recherche das Um und Auf ihrer Arbeit ist, wovon die erzählten Geschichten in einer spezifischen Weise profitieren. Ein Autor, dessen Recherchewut und Erzähltalent 2011 in einem Artikel auf Slate ausführlich gewürdigt wurden, ist David Grann. Derzeit sind mindestens drei seiner in „The New Yorker“ erschienen Artikel in Entwicklung. George Clooney wird voraussichtlich „The Yankee Comandante – A story of love, revolution, and betrayal.“ (The New Yorker, Mai 2012) inszenieren. Darin geht es um den US-Amerikaner William Alexander Morgan, der in die Kubanische Revolution involviert war. „The Brand“ ist der Titel, unter dem Regisseurin Kimberly Peirce („Carrie“) jene Geschichte adaptieren wird, die erzählt, wie die Aryan Brotherhood zur gefährlichsten Gefängnis-Bande der USA wurde (The New Yorker, 2004). „The Old Man and the Gun – Forrest Tucker had a long career robbing banks, and he wasn’t willing to retire“ (The New Yorker, Januar 2003) ist der Titel eines Artikels, bei dessen Adaption David Lowery Regie führen wird.

Verlage unter Zugzwang
The New Yorker gehört ebenso wie WIRED, Vanity Fair, GQ u.a zum Condé Nast Verlag. Dieser gründete 2011 eine Entertainment Division, um sinkende Einkünfte im Print-Bereich auszugleichen. Über die weitreichenden Pläne der Abteilung die Inhalte ihrer Magazine für andere Plattformen zu adaptieren, hat der Verlag kürzlich dem Hollywood Reporter berichtet. Demnach werden derzeit die Artikel „The Horse Whisperer“ (GQ, 2002), „The Camorra Never Sleeps“ (Vanity Fair, 2012) und ein Artikel über den Antiviren-Pionier John McAfee (WIRED, 2012) für die Leinwand adaptiert. Über letzteres Vorhaben wurde hier schon geschrieben. Die Idee, Magazininhalte im Kino weiter auszuwerten, wurde bei Condé Nast wohl nicht zuletzt vom Erfolg von „Argo“ beflügelt. Es dürfte dem Verlag missfallen haben, dass er bei der Verteilung des Box-Office-Kuchens (weltweit 232 Millionen $) leer ausgegangen ist.

Genres: War movies, Crime and Comedy
Abgesehen davon, dass – wenig überraschend – Kriegs- oder Antikriegsfilme wie „The Hurt Locker“ oder „In the Valley of Elah“ auf Artikel basieren, scheinen Stories über Personen und Gruppen aufgegriffen zu werden, die im (massenmarkttauglichen) Krimi-Gerne adaptierbar sind. Zuletzt ist außerdem ein Trend zur Comedy auszumachen, so war kürzlich der mäßig erfolgreiche Michael Bay Film „Gain & Pain“ (nach einem Artikel in der Miami New Times, 1999) im Kino zu sehen. Darin geht es um drei Bodybuilder, die mit der Entführung eines Kriminellen schnelles Geld machen wollen. In eine ähnliche Richtung könnte die Adaption von „Arms and the Dudes“ (Rolling Stone, 2011) zielen, die von Todd Phillips („The Hangover“) auf die Leinwand gebracht werden soll. Gerissen hat man sich zuletzt auch um eine verrückte Story aus dem Wall Street Journal (Januar 2013), in der es um eine Gruppe Männer geht, die seit 23 Jahren in einem Spiel aus ihrer Kindheit gefangen sind. Tag!

Related Article:
The Washington Post: Lee Daniels „The Butler“ basiert auf einem Artikel in der Washington Post.
Vanity Fair: Artikel „The Suspects Wore Louboutins„, auf dem „The Bling Ring“ von Sofia Coppola basiert.

Update vom 31.08.2013: Matt Damon to Make Directing Debut With Chris Terrio-Penned ‚A Foreigner‘
Update vom 18.10.2013: Basierend auf einem noch unveröffentlichten Artikel von Joshua Davis soll ein Film über den Betreiber des Online-Drogen-Bazars Silk Road entstehen.
Update vom 06.02.2014: Fox has acquired the rights to Marie Brenner‘s 1997 Vanity Fair article “The Ballad of Richard Jewell,” which followed the security guard who discovered a pipe bomb at the 1996 Olympics in Atlanta.
Update 06.02.2014: Scott Z. Burns für Adaption des New-York-Times-Artikels ‘The Professor and the Bikini Model’.
Update vom 22.04.2014: Frank Marshall to Direct Shipwreck Film ‚The Longest Night‘ for Paramount based on the article by Sean Flynn that appeared in the December 2008 issue of GQ.
Update vom 03.04.2015: The Ballad of Richard Jewell. Billy Ray wrote the script based on a 1997 Vanity Fair article by Marie Brenner.

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