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Serien: Everybody’s Darlings [Updated]

Weibliche Serienfiguren im US-Fernsehen

Trend: Politikerinnen
Kürzlich wurde bekannt, dass die Politdrama-Serie „Political Animals“ (USA Network) keine zweite Staffel bekommen wird. In dieser 6-teiligen Miniserie spielte Sigourney Weaver die ehemalige First Lady Elaine Barrish, die – wie dereinst Hillary Clinton – in die Fußstapfen ihres Ehemannes treten möchte. Zwar war es ein Vergnügen, Weaver bei der Darstellung von Elaine Barrish zuzusehen und es gab in der Serie auch durchaus Verquickungen mit dramatischem Potential, aber letztlich war die Hauptfigur zu zahm angelegt. Im Vergleich zu Barrish ist der Protagonist aus der Politdrama-Serie „Boss“ (Starz) weitaus interessanter. Der von Kelsey Grammer dargestellte Bürgermeister von Chicago, Tom Kane, ist eine vielschichtige und extreme Persönlichkeit, die einem enormen Druck ausgesetzt ist. Etwas von dessen Antihelden-Charakter hätte der Figur von Barrish nicht geschadet. Um eine zweite Staffel verlängert wurde dagegen die Sitcom „Veep“ (HBO) des Schotten Armando Iannucci („The Thick of It“), in der eine (kalt gestellte) US-Vizepräsidentin im Mittelpunkt steht. Die derzeit am längsten laufende Serie, in der eine Frau in einer politischen Spitzenfunktion im Zentrum steht, ist die dänische Serie „Borgen“ (seit 2010). Von den fiktionalen Spitzenpolitikerinnen dürfte sich jedoch noch keine so in unsere TV-Erinnerungen eingegraben haben, wie C.J. Cregg, die Pressesprecherin des Weißen Hauses in „The West Wing“, was umso überraschender ist, als Serienschöpfer Aaron Sorkin für seine Frauenfiguren häufig und zurecht kritisiert wird.

Joan Holloway: Bossy & sexy

Joan Holloway

Joan Holloway (Photo credit: Wikipedia)

Zu den meist geschätzten weiblichen Serienfiguren der jüngeren Fernsehgeschichte gehören zwei sehr gegensätzliche Typen, die eine ist sexy Redhead Joan Holloway aus „Mad Men“ (AMC) und die andere das großmäulige Nervenbündel Debra Morgan aus „Dexter“ (Showtime). Über die rothaarige Bürochefin Holloway (Christina Hendricks) wird schnell einmal gesagt, dass sie (bei Männern) gut ankommt weil sie „hot“ ist, ihre Wirkung ist aber weitaus vielschichtiger. Damit ist nicht nur gemeint, dass sie über das Stereotyp einer Bombshell hinaus ein komplexer Charakter ist, mindestens genauso wichtig für die breite Akzeptanz der Rolle ist, wie die Persönlichkeit von Holloway im Kontext der heutigen Zeit wirkt. Mit ihren ausgestellten Rundungen trifft Joan „Joanie“ Holloway den Nerv einer Zeit, in der Frauen einerseits freizügig mit ihrem Körper umzugehen gewohnt und andererseits der Bilder dünner Frauen überdrüssig sind. Der Stolz, mit dem Holloway ihren üppigen Körper zur Schau stellt, führt den Zuseherinnen sprichwörtlich vor Augen, wie langweilig das Magerdiktat der letzten Jahrzehnte eigentlich gewesen ist. Die Figur zeigt nicht nur, dass  man sich auch in einem üppigen Körper wohl fühlen kann, sie schämt sich überdies nicht, dass sie diesen einsetzt, um Ziele zu erreichen. Bei den Zuseherinnen löst es einerseits eine Art Befriedigung darüber aus, dass solcher „Körpereinsatz“ heute nicht mehr notwendig ist, um etwas zu erreichen und vermittelt andererseits, dass diese Option nicht so „schlimm“ ist, wie ihr Ruf. Dass die wandelnde Männerfantasie aus „Mad Men“ auch intelligent und scharfzüngig ist, mag die positive Wertung der Figur unterstützen.

Debra Morgan: Hart und zerbrechlich

Debra Morgan

Debra Morgan (Photo credit: Wikipedia)

In ihrer Wirkungsmacht mit Joan Holloway durchaus mithalten kann die oberflächlich weniger reizvolle Figur von Officer Debra Morgan (Jennifer Carpenter), auch wenn sich deren Wirkung gänzlich anders entfaltet. Die Schwester des Forensikers und Serienkillers Dexter ist zu Beginn der Serie (2006) Mitte 20. Mit viel Ehrgeiz und Engagement stürzt sie sich in ihre Arbeit als Polizistin bei der Mordkommission. Die Arbeit scheint nicht nur ein Mittel, um Anerkennung zu bekommen, sondern auch geeignet, sie von der Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte, der Beziehung zu ihrem Bruder und dessen (Doppel)Leben abzulenken. An dieser Stelle kann nur darüber spekuliert werden, wie weit der Serienplot zu Beginn schon bekannt war, aber vieles von dem, was sich im Verlauf der Staffeln als Serienplot entwickelt hat, scheint von Anfang an in der Figur von Debra angelegt gewesen zu sein. Schon in den ersten Folgen ist zu spüren, dass sie die Handlungen ihres Vaters und dessen Anteil an der Genese Dexters zum Killer nicht unbeschadet überstanden hat. So hat die nicht unbegabte Polizistin anscheinend gelernt, die Indizien zu übersehen, die auf ein Doppelleben ihres Bruders hinweisen. Ihr Unterbewusstsein wehrt sich aber dagegen: Unter der unerschrockenen, coolen, vorlauten Oberfläche tickt eine Bombe. Darstellerin Jennifer Carpenter stellt mit beeindruckendem physischen Schauspiel eine Frau dar, die so wirkt, als wäre sie immer kurz vor dem Ausflippen. Weil sich in Debras Mienenspiel das abgründige Familiengeheimnis abzeichnet, ist es extrem spannend ihr zuzuschauen, weil man sich jedes Mal fragt, was passieren wird, wenn Debra  – die schon bisher häufig außer Rand und Band zu geraten drohte – erfährt, dass ihr Bruder ein Monster ist.

Showtime: Damaged Heroines
Mit schwerer kontrollierbaren psychischen Handycaps haben zwei andere Figuren zu kämpfen, die sich die Aufmerksamkeit vieler Fernsehzuseherinnen erspielt haben. Die eine ist Tara Gregson aus der Familien-Dramedy „United States of Tara“ (seit 2009), die andere die Agentin Carrie Mathison aus dem Crime-Drama „Homeland“ (seit 2011). Letztere leidet unter manisch-depressiven Schüben, erstere unter einer Dissoziativen Identitätsstörung. Während die Störung von Tara Gregson die Basis für die tragikomischen Geschichten der Serie ist, ist sie im Fall von „Homeland“ eine wesentliche Charaktereigenschaft, die inneren Druck auf eine Figur ausübt, die gegen einen gefährlichen äußeren Feind (Terroristen) zu kämpfen hat. Über die Entwicklung der moralischen Ambiguität und die Komplexität der Charaktere in „Homeland“ hat sich kürzlich Showtime-Präsident David Nevins mit Kim Master in „The Business“ unterhalten (ab Minute 17). Sowohl Carrie Mathison als auch Tara Gregson sind nicht unbedingt dergestalt, dass man das Herz an sie verliert, aber die eine bietet extremes Spannungspotential und die andere außerordentlich viel komisches Potential. Bei beiden handelt es sich übrigens um Serienfiguren des Premiumsenders Showtime, auf dem weitere interessante weibliche (Anti-)Heldinnen zu finden sind (z. B. „Weeds“, „Nurse Jackie“).

HBO: Trümmerfrauen & Girls
Es wäre nicht der kultige Vorreiter unter den Kabelsendern, wenn es nicht auch auf  HBO interessante Frauenfiguren gäbe. Aktuell ist hier die Dramaserie „Treme“ von David Simon („The Wire“) zu nennen. In „Treme“ werden die Geschichten eines Figurenensembles erzählt, das nach dem Hurrikan Katrina um das Überleben und den Wiederaufbau in New Orleans kämpft. Die weiblichen Hauptfiguren sind die Wirtin LaDonna Batiste-Williams, die Anwältin Toni Bernette und die Chefköchin Jeanette Desautel. Abgesehen davon, dass alle drei kämpferische und intelligente Frauen sind, setzt die Serie mit diesen Figuren jenen ein Denkmal, die nach Katastrophen unbeirrt dem Wiederaufbau (bzw. der Wiederherstellung von Ordnung) nachgehen und das sind allen voran die Frauen. Diese Deutung der Frauenrollen in „Treme“ wird dadurch unterstützt, dass es neben positiven männlichen Figuren auch viele andere gibt: Den schwachen Mann, der aufgibt (Bernettes Ehemann begeht Selbstmord), skrupellose Männer, die die Katastrophe zur Bereicherung nutzen (Nelson Hidalgo) und junge Männer in Kapuzenpullis, die plündernd und vergewaltigend durch New Orleans ziehen.

Die letzte Sensation auf HBO ist „Girls“. Die von der 26-jährigen Lena Dunham entwickelte Dramedy wird gerne als  Anti-“Sex and the City“ bezeichnet. Dunham führt in der von ihr geschriebenen Serie nicht nur  Regie, sie spielt auch die Hauptrolle. „Girls“ zeigt eine Clique von Mittzwanzigern in New York City, in deren Mittelpunkt Hannah steht. Einer der Gründe für den Kritikererfolg der Serie dürfte sein, dass er das Versprechen von „Sex and the City“ einlöst und das Thema „Sex“ auf eine weitaus interessantere Art und Weise zeigt und abhandelt, als es das Ensemble um Carrie Bradshaw jemals getan hat.

Im Zusammenhang mit weiblichen Serienfiguren auf HBO nicht unerwähnt bleiben darf das Fantasy-Drama „True Blood“. Die Hauptfigur dieser von Alan Ball entwickelten Serie, die von Anna Paquin exquisit dargestellte Sookie Stackhouse, erfreut sich breiter Beliebtheit. Aber auch wenn einem die entzückende Kellnerin mit ihren amourösen Eskapaden zu langweilig ist, gibt es gute Gründe, um der Serie zu folgen, zum Beispiel die Figur von Pam De Beaufort. Die blonde Vampirin mit den aufgespritzten Lippen zeichnet sich nicht nur durch die uneingeschränkte Loyalität zu ihrem Schöpfer, dem sexiest Vampir alive (Eric Northam), sondern auch durch einen gegen die menschliche Gattung gerichteten kaum überbotenen Zynismus aus.

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Serien: Everybody’s Darlings [Updated]

  1. deb find ich super auf den punkt gebracht, aber bei joan holloway find ich die trauer, die die ausstrahlt, am interessantesten: darüber, in einer rolle (mit altersmäßigem und historischem ablaufdatum) festzustecken, während um sie herum die tradition zusammenbricht. und die einsamkeit, die daher kommt, dass sie als einzige von allen kapiert, was da vor sich geht. und zwar gerade deshalb, weil sie selber nicht mehr teil dieses veränderungsprozesses werden kann. (ich kenn aber nur die erste staffel)
    außerdem: ist roseanne die mutter der starken frauenfiguren?

    Verfasst von greogr | November 17, 2012, 9:09 am
    • die traurigkeit, die holloway ausstrahlt, ist allerdings reizvoll und hat vermutlich tatsächlich mit ihrem klaren blick auf die (geschlechter)verhältnisse zu tun und dieser klare blick – in kombination mit ihren anderen reizen – bringt sie beruflich letztlich auch weiter. ich sag nur soviel: es ist nicht peggy, die der erste weibliche partner der agentur wird (staffel 5).

      im komischen genre gibt es viele interessante frauenfiguren, die es zu untersuchen gälte und da gehört roseanne sicherlich dazu.

      Verfasst von Angleika | November 21, 2012, 9:11 am

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