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Literaturadaption

Literaturadaption: Wuthering Heights

Strukturanalyse von „Wuthering Heights“ und Vergleich der Adaptionen von 1939, 1992 und 2011

Die mittlere der schreibenden Brontë-Schwestern hat einen einzigen Roman veröffentlicht und auch der galt zu seiner Zeit nicht gerade als gefällige Lektüre. Aus heutiger Sicht war „Wuthering Heights“ von Emily Brontë – welche die meiste Zeit ihres 30-jährigen Lebens zurückgezogen in einem Landpfarrhaus gelebt hat – nicht zuletzt wegen der komplexen Romanstruktur seiner Zeit voraus. „Wuthering Heights“ von Emily Brontë ist nicht so oft verfilmt worden wie „Jane Eyre“, der Erfolgsroman ihrer Schwester Charlotte, aber dennoch mindestens ein Dutzend Mal, zuletzt von der britischen Regisseurin Andrea Arnold („Fish Tank“). Zwar hat Arnold das Buch auf interessante und – wie zu erwarten war – auch auf zeitgemäße Weise interpretiert (z. B. die Figur von Heathcliff, die Darstellung von innerer und äußerer Verwahrlosung), sie ist aber gleichzeitig dem Beispiel der meisten ihrer Vorgänger gefolgt, die nur die erste Hälfte des Romans adaptiert haben. Warum die meisten Adaptionen die tragische Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff aufgreifen und die Geschichte der nachkommenden Generation weglassen, darum ging es unter anderem in einem Artikel der New York Times. Einer der Gründe liegt darin, dass das Happyend der Jungen die Wirkung der tragischen Liebesgeschichte von Catherine und Heathcliff schwächen würde. Nicht ganz zu Unrecht wird das von denjenigen kritisiert, die in der Vorlage zuvorderst eine Geschichte über soziale Ungerechtigkeit und Rache sehen wollen.

Struktur des Romans
Die Geschichte fügt sich aus den Erlebnissen des Erzählers, Mr. Lockwood, aus seiner Nacherzählung dessen, was er von der Haushälterin Nelly erfährt bzw. was diese erzählt bekommen hat, aus Tagebuchaufzeichnungen und aus Briefen zusammen. Das bedeutet, dass die Leser/innen darüber im Zweifel gelassen werden, ob sie die Wahrheit und wenn ja, die ganze Wahrheit kennen.
Die Erzählung, die gesponnen wird, umfasst etwas mehr als 30 Jahre (1771 bis 1802), mit einem Zeitsprung von etwa 12 Jahren (von 1784 zu 1897). Der Roman besteht aus zwei parallelen Erzählsträngen, von denen der kürzere Strang zugleich das Ende der und die Rahmenhandlung für die Hauptgeschichte bildet. Diese Rahmenhandlung beginnt im Herbst 1801 mit dem Auftauchen des Erzählers, Mr. Lockwood, auf Wuthering Heights. Zu diesem Zeitpunkt leben dort Heathcliff (37 Jahre), Hareton Earnshaw (23) und Cathy Linton (17). Fast alle Personen, um die es im Hauptstrang geht, sind bereits verstorben. Die Rahmenhandlung schließt damit, dass Mr. Lockwood vom Tode Heathcliffs (April 1802) und von der angekündigten Vermählung von Hareton Earnshaw mit Cathy Linton erfährt.

Aus dieser Rahmenhandlung heraus wird linear die Hauptgeschichte erzählt: 1771 wird Heathcliff auf Wuthering Heights wie ein Sohn in die Familie Earnshaw aufgenommen. Sein Glück ist jedoch von kurzer Dauer, denn schon wenige Jahre später stirbt das Familienoberhaupt. Nun wird er vom jungen Hindley Earnshaw zum Untergebenen degradiert. Heathcliff nimmt die Demütigung hin. Erst als Hindleys Schwester Catherine, in die Heathcliff verliebt ist, ihm den wohlhabenden und gebildeten Edgar Linton als Ehemann vorzieht, holt er zum Racheakt gegen die Earnshaws und Lintons aus. Er rächt sich, indem er sich deren Besitztümer (Wuthering Heights und Thrushcross Grange) aneignet und deren Kinder (Hareton Earnshaw und Cathy Linton) ins Unglück zu führen versucht. Die Geschichte endet mehr oder weniger 1802 mit dem Tod von Heathcliff.

Adaptionen: 1939, 1992 und 2011
Luis Buñuel hat die Story in seiner Adaption („Abismos de pasión“, 1954) nach Mexiko und Jacques Rivette („Hurlevent“, 1985) nach Südfrankreich verlegt. Noch vor den Beiden hat sich William Wyler 1939 der Vorlage angenommen. Wyler hat die Story in England belassen und greift auch die Rahmenhandlung (Mr. Lockwood) auf. Allerdings lässt Wyler seinen Erzähler zu einem früheren Zeitpunkt in Erscheinung treten, nämlich als Catherine Earnshaw im Sterben liegt, das wäre in der Timeline des Romans 1784. In der Exposition der Wyler-Adaption wird gezeigt, wie Catherine und Heathcliff miteinander aufwachsen und sich verlieben. Im zweiten und dritten Akt geht es darum, wie Heathcliff vergeblich um sie kämpft und sich an ihr rächt, indem er ihre Schwägerin heiratet. Am Ende sterben sie gemeinsam. Die Adaption von 1992 (Regie: Peter Kosminsky) erzählt den gesamten Roman. Es wird zwar heftig gerafft und verdichtet, im Groben hält sich der Regisseur aber an die Struktur des Romans. In die Rahmenhandlung dieser Adaption wird die Autorin Emily Brontë einbezogen, welche das verlassene Wuthering Heights und die Grabsteine der ehemaligen Bewohner/innen entdeckt. Die Voice-over-Erzählung der Autorin beginnt damit, dass Mr. Lockwood – wie im Roman – auf Wuthering Heights auftaucht und Heathcliff, Hareton und Cathy vorfindet. Die tragische Liebesgeschichte zwischen Heathcliff und Catherine, die mit dem Tod Letzterer endet, dauert bis Minute 60. In den letzten 35 Minuten wird die Geschichte der nächsten Generation erzählt, die sich im Griff des rachsüchtigen und langsam den Verstand verlierenden Heathcliffs befindet. Wie eingangs erwähnt hat auch Andrea Arnold in ihrer Adaption nur den ersten Teil der Geschichte aufgegriffen. Aber es wäre kein Film von Arnold, wenn uns nunmehr „nur“ eine tragische Liebesgeschichte geboten würde, der Fokus von Arnold ist ein anderer: So wie in früheren Filmen, hat sie auch in diesem Stoff nach zutiefst menschlichen Regungen Ausschau gehalten und beobachtet, wohin diese Regungen ihre Figuren führen und das hat immerhin zu einer spannenden Interpretation der ersten Romanhälfte (und der Figur von Heathcliff) geführt und so lässt es sich verschmerzen, dass sie in der Adaption der Struktur des Films konventioneller geblieben ist, als dem Stoff zu wünschen gewesen wäre.

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