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Biografie, Dramaturgie, Genre

Moneyball: Sieger und Verlierer auf dem Spielfeld [Updated]

Mit Blick auf die Quoten bei Fußball-Weltmeisterschaften oder beim Super Bowl ließe sich die Frage diskutieren, ob es noch überwiegend sportliches Interesse ist, das die Zuschauer/innen vor die Bildschirme lockt, oder ob diejenigen, die sich lustvoll der Sportübertragungsdramaturgie hingeben, schon in der Überzahl sind. Für derlei Betrachtungen gibt es jedoch Berufenere, daher belassen wir es an dieser Stelle dabei, dass Sportgroßereignisse ohne Verlierer und Niederlagen nicht einmal halb so unterhaltsam wären.

Die Dramaturgie der Niederlage im Sportfilm
Dass es auch im Genre des Sportfilms für den 1. Platz am Box Office nicht immer den talentierten Helden braucht, der für das Siegerpodest prädestiniert ist, weiß man spätestens seit „Rocky“ (1976). Im letzten Jahr haben wieder zwei Filme reüssiert, die Sportler in den Mittelpunkt stellten, die (schon in ihrer Backstory) gescheitert sind. So hat das rührselige Sci-Fi-Sportdrama „Real Steel“ um einen erfolglosen Schattenboxer mit Anhang (USP: Boxroboter) knapp 300 Millionen $ eingespielt. Das filmdramaturgisch weit ambitioniertere Sport-Biopic „Moneyball“ konnte zwar im Vergleich dazu „nur“ bescheidene 110 Millionen $ verbuchen, durfte dafür aber ein paar Auszeichnungen entgegennehmen.

Dramaturgische Notizen zu „Moneyball
Mit Regisseur Bennet Miller  („Capote“) und den Autoren Aaron Sorkin („The Social Network“) und Steven Zaillian („American Gangster“) waren an „Moneyball“ drei Herren beteiligt, die sich zuvor schon mit Erfolg an Filmbiografien versucht hatten. In „Moneyball“ (nach dem Buch des Finanzjournalisten Michael Lewis) geht es nun um die wahre Geschichte des ehemaligen Baseball-Spielers Billy Beane (Brat Pitt). Dieser ist Manager des unterfinanzierten Baseball-Teams Oakland Athletics und weil er mit besser dotierten Clubs nicht um die besten Spieler mitbieten kann, tut er sich mit dem jungen Yale-Absolventen Peter Brand (Jonah Hill) zusammen. Gemeinsam stellen sie gegen der Widerstand der clubeigenen Talentscouts mit Hilfe eines computergestützten Statistikverfahrens ein Team aus Spielern zusammen, welche besagten Talentscouts höchstens wegen ihrer Handicaps aufgefallen sind.

Erzählebenen in „Moneyball“
In „Moneyball“ geht es, wie schon erwähnt, um die Geschichte des ehemaligen Baseball-Spielers Billy Beane, der trotz bester Voraussetzungen als Baseball-Spieler gescheitert ist (Backstory) und nun als Manager die Oakland A’s verbissen zum Erfolg führen will. Aus der Geschichte der Hauptfigur heraus wird ein kritischer Blick auf das Modell des Talentscoutings im Baseball geworfen und darauf, wie viele Faktoren für das Gelingen oder Misslingen einer Sportlerkarriere eine Rolle spielen können. Auf einer dritten Ebene geht es um Tradition und Innovation im Sport.

Emotionales Thema
Für das emotionale Thema des Films ist die Hinwendung zu wissenschaftlich mathematischen Methoden, mit welchen die Protagonisten das Baseballspiel verändern werden, insofern wichtig, als damit das emotionale Thema des Films gespiegelt wird: „Wer nicht der Beste ist, ist ein Verlierer“ vs. „der Wert einer Leistung ist relativ“. Für die Vielschichtigkeit des emotionalen Themas im Film ist es wichtig, dass Peter Brand eine ganz andere Sichtweise auf die Spieler und ihre Leistungen einbringt, als Billy Beane sie hat. Obwohl die Mannschaft mit der Strategie der Beiden einen Serien-Rekord aufstellt, sieht Beane am Ende nur die Niederlage im Endspiel. So schließt Peter Brand dann auch mit den Worten: „He hit a home run and didn’t even realize it.“

Form
Den Macher/inne/n von „Moneyball“ ist es gelungen, einen vielschichtigen psychologischen und sportsoziologischen Themenkomplex in eine Form zu gießen, die im Genre Sportdrama heraussticht – und zwar ohne dass die Form ablenkt. In dieser Leistung ist das Talent und die Handschrift von Sorkin zu erkennen. Schon in „The Social Network“ ist es diesem gelungen, eine komplexe Materie in eine Gestalt zu bringen, aus der sich eine emotional erfahrbare Erkenntnis gewinnen lässt. So wie der Einsatz von Rückblenden, bzw. die Vermischung von Zeitebenen in der nicht-chronologischen Erzählweise in „The Social Network“ die Wirkung des emotionalen Themas verstärkt hat, so wird in „Moneyball“ mit der Vermischung von Bild-, Ton- und Zeitebenen erreicht, dass Billy Beane gelegentlich wie von Alpträumen getrieben wirkt.
Abgesehen von der experimentiertfreudigen Montage und dem interessanten Sounddesign, fällt auch der Bruch mit einer Konvention der Spannungsdramaturgie des Sportfilms auf: Es gibt kaum Spielverläufe zu sehen, weil die Hauptfigur Beane nicht ins Stadion geht. Trotzdem ist Baseball natürlich allgegenwärtig. Informationen über Spielverläufe, die für den Plot relevant sind, werden auf TV- oder Computerbildschirmen oder über Radiosprecher vermittelt. Mit dieser unkonventionellen Darstellung von spannungsrelevanten Spielverläufen trägt der Film vordergründig der Allgegenwärtigkeit von Sportereignissen in einer medial durchdrungenen Welt Rechnung. Viel wichtiger ist aber, dass in diesen Szenen Einblick in die Persönlichkeit und die Tragödie der Hauptfigur gegeben wird: Die Angst von Billy Beane vor der Niederlage ist stärker als sein Wille zum Sieg.

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Moneyball: Sieger und Verlierer auf dem Spielfeld [Updated]

  1. billy beanes oberstes ziel ist aber nicht der sieg, sondern das spiel zu verändern. im vergleich mit dem angestrebten paradigmenwechsel bezeichnet er auch einen möglichen finalsieg als marginalie. emotionalthematisch heisst das für mich subtile rache: er möchte dem spiel die struktur abgraben, die zu seiner großen demütigung geführt hat.
    den homerun, den er gehittet hat, sieht er also imho nur wegen der akuten enttäuschung nicht.

    Verfasst von greogr | Juli 14, 2012, 7:44 pm
    • „er möchte dem spiel die struktur abgraben, die zu seiner großen demütigung geführt hat.“ guter punkt.

      zum ziel/emotionalen bedürfnis:
      „I know these guys. I know the way they think, and they will erase us. And everything we’ve done here, none of it’ll matter. Any other team wins the World Series, good for them. They’re drinking champagne, they get a ring. But if we win, on our budget, with this team… we’ll have changed the game. And that’s what I want. I want it to mean something.“

      das äußere ziel ist der sieg. das spiel verändern und etwas bedeuten verweist m.e. auf das emotionale bedürfnis.

      Verfasst von Angelika Unterholzner | Juli 16, 2012, 12:36 pm
  2. completely d’accord

    Verfasst von greogr | Juli 19, 2012, 6:34 pm

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