//
du liest...
Biografie, Dramaturgie, Genre

Sportfilm: Sieger und Verlierer auf dem Spielfeld

Zur Dramaturgie im Sportfilm am Beispiel von „Moneyball“

Sportkommentatoren ist es anscheinend verboten, Kriegsmetaphern auf Fußballereignisse anzuwenden, dabei passen sie doch so gut. Erinnern wir uns an das Halbfinalspiel Spanien gegen Portugal: Der in vielen Zeitlupen in Szene gesetzte Actionkracher, in dem sich Cristiano Ronaldo hier und da ein Stuntdouble gewünscht haben dürfte, hat doch sehr an das Gemetzel auf einem Schlachtfeld erinnert, oder etwa nicht? Mit dem iberischen Showdown im Halbfinale ist an eines der dramatischsten Ereignisse der EM 2012 erinnert, die Fehlentscheidung gegen die Ukraine wäre ein anderes. Aber es sind nicht nur dramatische Spielverläufe und Schiedsrichterfehlentscheidungen, die die Emotionen der Zuseher/innen in Aufruhr bringen. Hingebungsvolle Shows (Ronaldo), auffällige Biografien (Balotelli), Manipulationasskandale um weinende Fans und Los niños de Torres lassen die Herzen mehr oder weniger Gefühlsanfälliger höher schlagen. Es ließe sich die Frage diskutieren, ob es noch überwiegend fußballerisches Interesse ist, das die Zuschauer/innen vor die EM-Bildschirme lockt, oder ob diejenigen, die sich lustvoll der Sportübertragungsdramaturgie hingeben, schon in der Überzahl sind. Für derlei Betrachtungen gibt es jedoch Berufenere und daher wird an dieser Stelle mit der simplen Erkenntnis geschlossen, dass Sportgroßereignisse ohne Verlierer und Niederlagen nicht einmal halb so unterhaltsam wären.

Die Dramaturgie der Niederlage im Sportfilm
Dass es im Genre des Sportfilms für den 1. Platz am Box Office nicht immer den talentierten Helden braucht, der für das Siegerpodest prädestiniert ist, weiß man spätestens seit „Rocky“ (1976). Im letzten Jahr haben wieder zwei Filme reüssiert, die Sportler in den Mittelpunkt stellten, die (schon in ihrer Backstory) gescheitert sind. So hat das rührselige Sci-Fi-Sportdrama „Real Steel“ um einen erfolglosen Schattenboxer mit Anhang (USP: Boxroboter) knapp 300 Millionen $ eingespielt. Das filmdramaturgisch weit ambitioniertere Sport-Biopic „Moneyball“ konnte zwar im Vergleich dazu „nur“ bescheidene 110 Millionen $ verbuchen, durfte dafür aber ein paar Auszeichnungen entgegennehmen.

Zur Dramaturgie in „Moneyball
Mit Regisseur Bennet Miller  („Capote“) und den Autoren Aaron Sorkin („The Social Network“) und Steven Zaillian („American Gangster“) waren an „Moneyball“ drei Herren beteiligt, die sich zuvor schon mit Erfolg an Filmbiografien versucht haben. In „Moneyball“ (nach dem Buch des Finanzjournalisten Michael Lewis) geht es nun um die wahre Geschichte des ehemaligen Baseball-Spielers Billy Beane (Brat Pitt). Dieser ist Manager des unterfinanzierten Baseball-Teams Oakland Athletics und weil er mit besser dotierten Clubs nicht um die besten Spieler mitbieten kann, tut er sich mit dem jungen Yale-Absolventen Peter Brand (Jonah Hill) zusammen. Gemeinsam stellen sie gegen der Widerstand der clubeigenen Talentscouts mit Hilfe eines computergestützten Statistikverfahrens ein Team aus Spielern zusammen, welche besagten Talentscouts höchstens wegen ihrer Handicaps aufgefallen sind.

Erzählebenen in „Moneyball“
In „Moneyball“ geht es, wie schon erwähnt, um die Geschichte des ehemaligen Baseball-Spielers Billy Beane, der trotz bester Voraussetzungen als Baseball-Spieler gescheitert ist (Backstory) und nun als Manager die Oakland A’s verbissen zum Erfolg führen will. Aus der Geschichte der Hauptfigur heraus wird ein kritischer Blick auf das Modell des Talentscoutings im Baseball geworfen und darauf, wie viele Faktoren für das Gelingen oder Misslingen einer Sportlerkarriere eine Rolle spielen können. Auf einer dritten Ebene geht es um Tradition und Innovation im Sport.

Emotionales Thema
Für das emotionale Thema des Films ist die Hinwendung zu wissenschaftlich mathematischen Methoden, mit welchen die Protagonisten das Baseballspiel verändern werden, insofern wichtig, als damit das emotionale Thema des Films gespiegelt wird: „Wer nicht der Beste ist, ist ein Verlierer“ vs. „der Wert einer Leistung ist relativ“. Für die Vielschichtigkeit des emotionalen Themas im Film ist es wichtig, dass Peter Brand eine ganz andere Sichtweise auf die Spieler und ihre Leistungen einbringt, als Billy Beane sie hat. Obwohl die Mannschaft mit der Strategie der Beiden einen Serien-Rekord aufstellt, sieht Beane am Ende nur die Niederlage im Endspiel. So schließt Peter Brand dann auch mit den Worten: „He hit a home run and didn’t even realize it.“

Form
Den Macher/inne/n von „Moneyball“ ist es gelungen, einen vielschichtigen psychologischen und sportsoziologischen Themenkomplex in eine Form zu gießen, die im Genre Sportdrama heraussticht – und zwar ohne dass die Form ablenkt. In dieser Leistung ist das Talent, und in der filmischen Form eindeutig die Handschrift von Sorkin zu erkennen. Schon in „The Social Network“ ist es Sorkin gelungen, eine komplexe Materie in eine Gestalt zu bringen, aus der eine emotional erfahrbare Erkenntnis heraussticht. So wie der Einsatz von Rückblenden, bzw. die Vermischung von Zeitebenen in der nicht-chronologischen Erzählweise in „The Social Network“ die Wirkung des emotionalen Themas verstärkt hat, so wird in „Moneyball“ mit der Vermischung von Bild-, Ton- und Zeitebenen erreicht, dass Billy Beane gelegentlich wie von Alpträumen getrieben wirkt.
Abgesehen von der experimentiertfreudigen Montage und dem interessanten Sounddesign, fällt auch der Bruch mit einer Konvention der Spannungsdramaturgie des Sportfilms auf: Es gibt kaum Spielverläufe zu sehen, weil die Hauptfigur Beane nicht ins Stadion geht. Trotzdem ist Baseball natürlich allgegenwärtig. Informationen über Spielverläufe, die für den Plot relevant sind, werden auf TV- oder Computerbildschirmen oder über Radiosprecher vermittelt. Mit dieser unkonventionellen Darstellung von spannungsrelevanten Spielverläufen trägt der Film vordergründig der Allgegenwärtigkeit von Sportereignissen in einer medial durchdrungenen Welt Rechnung. Viel wichtiger ist aber, dass in diesen Szenen Einblick in die Persönlichkeit und die Tragödie der Hauptfigur gegeben wird: Die Angst von Billy Beane vor der Niederlage ist stärker als sein Wille zum Sieg.

Related Article:  The 50 Greatest Sports Movies

Enhanced by Zemanta

Diskussionen

3 Gedanken zu “Sportfilm: Sieger und Verlierer auf dem Spielfeld

  1. billy beanes oberstes ziel ist aber nicht der sieg, sondern das spiel zu verändern. im vergleich mit dem angestrebten paradigmenwechsel bezeichnet er auch einen möglichen finalsieg als marginalie. emotionalthematisch heisst das für mich subtile rache: er möchte dem spiel die struktur abgraben, die zu seiner großen demütigung geführt hat.
    den homerun, den er gehittet hat, sieht er also imho nur wegen der akuten enttäuschung nicht.

    Verfasst von greogr | Juli 14, 2012, 7:44 pm
    • „er möchte dem spiel die struktur abgraben, die zu seiner großen demütigung geführt hat.“ guter punkt.

      zum ziel/emotionalen bedürfnis:
      „I know these guys. I know the way they think, and they will erase us. And everything we’ve done here, none of it’ll matter. Any other team wins the World Series, good for them. They’re drinking champagne, they get a ring. But if we win, on our budget, with this team… we’ll have changed the game. And that’s what I want. I want it to mean something.“

      das äußere ziel ist der sieg. das spiel verändern und etwas bedeuten verweist m.e. auf das emotionale bedürfnis.

      Verfasst von Angelika Unterholzner | Juli 16, 2012, 12:36 pm
  2. completely d’accord

    Verfasst von greogr | Juli 19, 2012, 6:34 pm

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bookmark and Share

Enter your email address to subscribe to this blog and receive notifications of new posts by email.

Fun