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Mockumentary/Faux-Found-Footage, Shorts

Found Footage beim Wiener Kurzfilmfestival VIS

Trends und Themen im Österreich-Wettbewerb des VIS

Bei der 9. Ausgabe von Vienna Independent Shorts – VIS waren im Österreich-Wettbewerb interessante Arbeiten von Student/innen der Kunstuniversitäten in Linz und Wien zu sehen, wie zum Beispiel der Experimentalfilm „Die ArbeiterInnen verlassen die Fabrik“ (Regie: Katharina Gruzei), oder der mit dem ray audience award ausgezeichnete Kurzspielfilm „Tatin Ponos“ (Regie: Dinko Draganovic) und nicht zuletzt etwa auch der experimentierfreudige „Protest ohne Ästhetik und Form“ (Regie: Manfred Rainer).

Found-Footage (Spoiler Alert!)
Zu sehen waren im Österreich-Wettbewerb des Festivals auch einige Found-Footage-Filme und solche, die vorgeben es zu sein. Allen voran ist „Flaschenpost“ von Gabriele Mathes zu nennen. Bei diesem Film handelt es sich um eine vielgestaltige Erzählung über Privates und Politisches und darüber, wie beides zusammenhängt oder sich gelegentlich auch ausschließt. Den Kern von „Flaschenpost“ bildet Videomaterial, welches die Filmemacherin seit den 80er Jahren in einer Bananenkiste bewahrt und mit dem sie nun Themen aufgearbeitet hat, die heute mindestens so relevant sind wie damals.
Eine Schachtel mit Super-8-Filmmaterial spielte auch für die Produktion eines anderen Films eine wichtige Rolle: Gemeinsam mit Hugo Furtado hat der auf dem Wiener Flohmarkt fündig gewordene Filmemacher David Krems aus Urlaubsaufnahmen (Urheber unbekannt) aus den 70er und 80er Jahren den postapokalyptischen Found-Footage-Fiction-Film „Siesta“ kompiliert, in dem eine Frau scheinbar ihre Streifzüge durch ein entvölkertes Barcelona dokumentiert.


Ein Faux-Found-Footage-Film liegt mit einer Arbeit mit dem langen Titel „Dieser Film ist ein Zusammenschnitt von DV-Kassetten, die bei einer Online-Auktion ersteigert wurden“ vor. Hierbei geht es um einen – ACHTUNG SPOILER! – vermeintlich misslungenen Fallschirmsprung (Regie: Patrick Vollrath).

Film im Film
Im Gegensatz zu den fündig gewordenen Filmemacher/inne/n ist Regisseur Christoph Rainer sein Filmmaterial angeblich abhanden gekommen. In Anbetracht dessen ist ihm mit „Untitled Brazil Project“ wundersamerweise ein kleines Kunststück gelungen. Spaß beiseite: Bei „Untitled Brazil Project“ und dessen Regisseur könnte es sich – you never know – um ein intelligent konstruiertes Gesamtkunstwerk handeln, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion nicht nur im Film aufgehoben werden, sondern darüber hinaus. So gesehen endet die Erzählung des Films nicht mit dem aus Second Life generierten „Happy End“ einer Vater-Sohn-Geschichte, sondern wird vom Filmemacher nach dem Abspann in Gesprächen mit dem Publikum noch weitergesponnen.

Web on Screen
Die erwähnte Second-Life-Szene in „Untitled Brazil Project“ ist bei Weitem nicht die einzige Manifestation vom Einfluss virtueller Online-Welten auf das junge Filmschaffen, die auf der großen Kinoleinwand  des VIS Festivals auszumachen war. Viele Arbeiten im Programm des VIS setzen sich künstlerisch mit Genres und Ästhetiken auseinander, die aus dem Internet hervorgegangen sind. Zum Beispiel hat die junge Filmemacherin Kurdwin Ayoub mit „Sommerurlaub“ eine Art Playback-Video erstellt, wie sie in ähnlicher – wenn auch formal und konzeptionell nicht so durchdachten Weise – auf YouTube zu finden sind.

Cloudfiction
In Anbetracht des nationalen Wettbewerbs beim VIS lässt sich sagen, dass die jungen österreichischen Film- und Medienkünstler/innen auf interessante Weise mit den Themen Authentizität und Wahrheit experimentieren. Schon vor 20 Jahren hat Regisseur Michael Haneke in “Benny’s Video” (1992) Einstellungen einer Videokamera, die der Perspektive der Hauptfigur zuzuordnen sind, in die Handlung eingebaut. Die Ästhetik von „Benny’s Video“ kann dann auch als Vorgriff auf die Ästhetik von aktuellen Faux-Found-Footage-Filmen gesehen werden, im Gegensatz zu diesen ging es in “Benny’s Video” aber nicht darum, den Zuschauer/innen zu suggerieren, dass die Story echt sei. Ob eben diese heute häufig genutzte Strategie der Irreführung von Faux-Found-Footage-Fiction auf ein Publikum zugeschnitten ist, das eher vom Reality-TV oder von YouTube oder von Beidem gleichermaßen geprägt ist, muss an dieser Stelle offen gelassen werden. Dass in aktuellen Medienproduktionen die Fiktion von der Realität aber immer schwerer unterscheid- und abgrenzbar wird, ist dagegen offensichtlich. Wir werden – Analogien zum Cyberpunk der 1980er oder zur computer cloud der 2010er drängen sich auf – in virtuellen Wolken gefangen genommen, deren Bestandteile wir nicht mehr ausmachen können. Wir wissen nur, dass die Irreführung nicht mehr immer mit dem Abspann endet. Während die konventionellen Erzählungen des Blockbusterkinos die Konsumwelt zunehmend transmedial durchdringen, machen sich die Filmemacher/innen der Reality-TV- und YouTube-Generation in ihren experimentierenden Arbeiten immer öfter selber zum Medium, als welches sie Geschichten über die Dreharbeiten hinaus weiter spinnen. Das kann nun als verstörende Diffusion von Fiktion und Realität, oder aber auch als deren produktive Vernetzung wahrgenommen werden, die in einer Zeit, in welcher der gläserne Mensch als Schreckgespenst herumgeistert, auch als subversive Strategie genutzt werden kann.

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