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Figuren, Serien

Wie sich die bösen Jungs TV-Hauptrollen ergaunern

Mit Nucky Thompson ist die Fernsehwelt um einen bad guy* reicher

Der Mafioso Tony Soprano, der Serienkiller Dexter Morgan, der Waffen-Schmuggler Jax Taller, der Crystal-Meth-Produzent Walter White und der mafiöse Politiker und Geschäftsmann Nucky Thompson – sie alle vereint, dass ein großes Fernsehpublikum ihnen fasziniert bei ihren Schandtaten zusieht. Der jüngste Zuwachs im Kabinett der Unmoralischen beruht auf der realen Figur Enoch L. Johnson, der einst wie Nucky in „Boardwalk Empire“ nicht nur die Politik, sondern auch den Alkoholschmuggel in Atlantic City kontrolliert hat.

Zuschauerbindung
Mit welchen Tricks Zuschauer/innen an asoziale Figuren gebunden und wie aus amoralischen Figuren Helden werden, wurde auf diesem Blog am Beispiel von „The Sopranos“, „Dexter“ und „Sons of Anarchy“ schon einmal ausführlich besprochen. Als einer der Pioniere des Unmoralischen im Serienfernsehens darf sich Tony Soprano, das Raubein mit den Panikattacken, rühmen. Wir lernten mit ihm einen Mafioso kennen, der in ein lebensgefährliches Milieu hinein geboren und  zur kriminellen Pflichterfüllung erzogen wurde. In „Dexter“ wird mit Unterstützung einer Off-Stimme Einblick in die Gedankenwelt eines Serienmörders gegeben. Wir erfahren, dass Dexter nicht aus Bösartigkeit, sondern aus einem Zwang heraus tötet. Im Verlauf der ersten Staffeln wird enthüllt, dass Dexter als Kind traumatisiert wurde und dass sein Pflegevater mitverantwortlich an seiner Genese zum Killer ist.  Abgesehen davon, dass man den jugendlichen Dexter der Backstory bemitleidet, haftet dem erwachsenen Dexter etwas Comichaftes an. Dass er Serienmörder tötet, die nicht gefasst wurden, tut für seine Fangemeinde ein Übriges. Auch Jax Teller tut es nicht gern, aber im „Notfall“ schreckt die Hauptfigur aus „Sons of Anarchy“ vor einem Mord ebenfalls nicht zurück. Weil der junge Mann aber mit Zweifeln hadert und noch dazu ein emphatischer, charmanter und gut aussehender Zeitgenosse ist, geben wir ihm mit jeder Folge eine neue Chance.

Die Rolle der Frauen
Für die Zuschauerbindung eine wichtige Rolle spielen in diesen Serien die Frauen. Sie bewirken, dass wir auch gute Seiten an Tony erleben und dass wir Dexter wünschen, dass er nicht erwischt wird. Im Gegensatz dazu spielt die Frau von Walter White in „Breaking Bad“, die keine Ahnung vom kriminellen Treiben ihres Mannes hat, für die Zuschauerbindung keine wichtige Rolle. Hier ist es in erster Linie die Krankheit, die uns mit White den Weg der zunehmenden Verwerflichkeit mitgehen lässt. In der Rolle als Mütter haben die Frauen eine zwar anders geartete, aber nicht weniger wichtige Funktion für die Bindung der Zuschauer/innen an die verdorbenen Männer: wir bemitleiden Tony Soprano und Jax Teller, weil sie Opfer ihrer skrupellosen Mütter sind. Im Kampf um das Gute haben diese Frauenfiguren also eine antagonistische Funktion.
Wie und warum sich  Frauen mit den bösen Jungs arrangieren, wird in der ersten Staffel von „Boardwalk Empire“ vorgeführt: die schwangere Margaret Schroeder wird von ihrem trink- und spielsüchtigen Mann verprügelt. Derart gequält wendet sie sich dem scheinbar „guten“ Nucky Thompson zu. Aber Margaret ist nur scheinbar so naiv, sie weiß sehr bald auf welche Sorte Mann sie sich einlässt – und warum.

Der meisterhafte Manipulator
Abgesehen davon, dass Steve Buschemi „Nucky“ auf eine Art und Weise darstellt, die einen immer wieder vergessen lässt, dass er belügt, betrügt und mordet, hat sich Terrence Winter („The Sopranos“) einiges einfallen lassen, um uns Nucky schmackhaft zu machen. Hilfreich ist, dass der korrupte Politiker die Gewalttätigkeit auslagert. Wir wissen zwar dass Nucky brutal zuschlagen kann – in der Pilotfolge schlägt er Margarets Mann k.o. – die „Drecksarbeit“ schafft er normalerweise aber anderen an (z. B. lässt er Margarets Mann in der Pilotfolge ermorden).

Nucky Thompson kommt den Vorstellungen eines heutigen Publikums entgegen, weil er sich im Vergleich zu seinen Zeitgenossen nicht wie ein Macho aufführt und sich z. B. für das Frauenwahlrecht ausspricht (auch wenn es ihm dabei nur um Wählerstimmen geht). Wegen seiner guten Umgangsformen, seiner emphatischen Ausstrahlung und seines jovialen Tons vergisst man leicht, dass er sich wie kein anderer von seinen Interessen leiten lässt. Während uns Dexter, Tony und Walter gelegentlich Einblick in ihre Gedankenwelt gewähren, hält sie Nucky verschlossen. Seine Motivationen, auch in Bezug auf amouröse und familiäre Beziehungen, sind umso mehr zu hinterfragen.

Moral Adieu?
Am Anfang schauen wir moralisch erhaben dabei zu, wie Tony Soprano und Dexter Morgan versuchen menschlich zu werden und wie sie mit ihren Versuchen scheitern. Genüsslich verfolgen wir, wie der gute und bemitleidenswerte Walter White zunehmend verroht. Je mehr wir von ihren Verletzungen und von ihren Kämpfen erfahren, desto mehr tritt eine moralische Bewertung ihrer Verbrechen jedoch in den Hintergrund. Wir wissen, dass Nucky Thompson und Jax Teller gerissen sind und im Ernstfall vor nichts zurückschrecken. Trotdem gelingt es ihnen, uns zu manipulieren und unsere moralische Haltung mit ihrer Sympathiemasche zu korrumpieren. Aber nicht alle Bösewichte erschwindeln sich einen mitleidenden Platz im Herzen der Zuseher/innen, manche dienen sich auch als beliebte Hassobjekte an, z. B. Vic Mackey aus „The Shield“.

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