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Dramaturgie, Genre

Boyhood: 2002 – 2014 [Updated]

Fiktive und dokumentarische Langzeitdramaturgien

Richard Linklater hat schon immer mit unkonventionellen Dramaturgien, visuellen Mitteln und Erzählzeiten experimentiert, etwa in seiner Romantik-Trilogie „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“. Nun legt er noch eins drauf: Im Jahr 2002 hat der Autodidakt Linklater mit den Dreharbeiten zum Langzeit-Spielfilmprojekt „Boyhood“ begonnen. Seitdem filmt er jeden Sommer einen weiteren Teil der Geschichte des jungen Mason (gespielt von Ellar Coltrane) von dessen 6. bis zu dessen 18. Lebensjahr (von der Einschulung bis zum High School Abschluss). Das geschiedene Elternpaar des Protagonisten wird von Ethan Hawke und Patricia Arquette dargestellt. Wie bei allen Langzeitprojekten ist auch hier Geduld gefordert: Ein paar Jahre dauert es noch bis Mason den Weg ins College und der Film ins Kino finden wird.
An einer fiktiven Langzeitgeschichte schon einmal erfolgreich versucht hat sich François Truffaut, der zwischen 1959 und 1979 in vier Langfilmen und einem Kurzfilm die fiktiven Lebensabschnittsgeschichten von Antoine Doinel erzählt und damit Jean-Pierre Léaud unsterblich gemacht hat.

Sehr viele fiktionale Experimente mit Langzeitdreharbeiten gibt es nicht, daher kann man auf Linklaters „Boyhood“ ein wenig gespannt sein. Weitaus häufiger ist die Langzeitstudie im Dokumentarfilm zu finden: Die „Up Series“ z.B. ist eine britische Dokumentarfilm-Langzeitserie, mit der 1964 begonnen wurde. Seitdem holt Regisseur Michael Apted alle sieben Jahre möglichst viele der 14 Protagonisten vor die Kamera, die 1964 als 7-Jährige zum ersten Mal gefilmt wurden. Bei der Auswahl der 14 Protagonisten wurde damals darauf geachtet, dass die Protagonistinnen und Protagonisten verschiedene soziale Schichten repräsentierten, da es den Machern darum ging, Lebensverläufe aus einer schichtenspezifischen Perspektive zu verfolgen.
In einer Dokumentation neueren Datums mit dem Titel  „The Kids Grow Up“ dokumentiert Dokumentarfilmregisseur Doug Block das letzte Jahr seiner Tochter Lucy, bevor diese das Elternhaus Richtung College verlässt. Auch in diesem Film, in dem es um Eltern-Kind-Beziehungen geht, spielt beharrlich gesammeltes Langzeit-Footage eine zentrale Rolle.

Die längste Langzeitdoku der Filmgeschichte soll eine deutsche sein: Für die DDR-Dokumentation „Die Kinder von Golzow“ haben Winfried und Barbara Junge Menschen in einer kleinen Stadt in der ehemaligen DDR vom Herbst 1961 bis zum Jahr 2007 begleitet und deren Leben für die Welt in 42,5 Stunden festgehalten.
Noch ein weiterer deutscher Dokumentarfilmer hat sich mit Langzeitdokumentationen einen Namen gemacht: Thomas Heise. In „Stau – Jetzt geht’s los“ hat er 1992 eine Gruppe Jugendlicher in Halle-Neustadt begleitet. Dorthin zurückgekehrt ist er um die Jahrtausendwende mit „Neustadt (Stau – Stand der Dinge)“ und 2008 mit „Kinder. Wie die Zeit vergeht“.

Ein österreichischer Filmemacher, der sich für Langzeitentwicklungen interessiert, ist der iranisch-stämmige Regisseur Arash T. Riahi („Ein Augenblick Freiheit“). Riahi hat über einen längeren Zeitraum für den Dokumentarfilm „Exile Family Movie“ seine auf der ganzen Welt verstreute Verwandtschaft gefilmt. In der Dramaturgie dieses Films spielt Geduld auch insofern eine wichtige Rolle, als es um eine langwierige geheime Familienzusammenführung geht. Aber nicht nur für diese persönliche Familiengeschichte nimmt sich der Regisseur viel Zeit, auch in seiner nächsten Dokumentation „Nerven Bruch zusammen“ kehrt er zu Protagonistinnen zurück, die er während des Zivildienst in einem Übergangswohnheims für obdachlose Frauen schon im Jahr 2000 gefilmt hat. Acht Jahre später machte sich der Regisseur wieder auf die Suche nach einigen dieser Frauen, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist.

Update vom 11.06.2014:
Taz: Langzeitfiktionen im Kino

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