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Filmanalysen

Black Swan: Cinematic Tour de Force

Überlegungen zu Figuren und Beziehungen und zum Einsatz von Horrorelementen in „Black Swan“ (Achtung Spoiler!)

Über den „Wahnsinn“ der Hauptfigur und die bedrohliche Mutter-Tochter-Beziehung in „Black Swan“ ist schon viel spekuliert worden. Ein klinischer Psychologe zum Beispiel erklärt Ninas „Wahnsinn“ als durch genetische Veranlagung, Missbrauch durch die Mutter und aktuellen Leistungsstress ausgelösten zunehmenden Realitätsverlust, der am Ende auf eine Psychose hinaus läuft.

„MOM“ is calling
Derlei Erklärungsversuche liegen auf der Hand. Die Theorien, die zur Mutter-Tochter-Beziehung vorgebracht werden, sind da schon spekulativer. Die gewagteste ist vielleicht die, dass Nina von der Mutter sexuell missbraucht wird. Aronofsky zeigt Momentaufnahmen einer Beziehung, Erklärungen liefert er keine. Durch viele kleine und große Irritationen entsteht aber das Bild einer hochgradig symbiotischen Beziehung, die trotz aller Auslassungen mehrere schlüssige Interpretationen zulässt. Wie in anderen Filmen von Aronofsky, ist auch in diesem viel Wahrheit über menschliche Abgründe zu finden.
Ninas Mutter ist vielleicht eine Frau, die sich in die Mutterschaft zurückgezogen hat und in dieser Beziehung Bedürfnisse auslebt, die dort nicht hingehören. Nina ist einerseits der Traum und andererseits der Alptraum der Mutter. Die Mutter ist gleichzeitig stolz und eifersüchtig. Von den schizophrenen Zügen der Mutter bis zur Psychose der Tochter ist es kein allzuweiter Weg.

THEMA
Auf einer oberflächlichen Ebene geht es um die Härten und Entbehrungen eines Tänzerleben. Mit diesem Aspekt in „Black Swan“ beschäftigen sich Alison Willmore und Matt Singer ausführlich im IFC-Podcast, indem sie Bezüge zu Tanzfilmen wie „Red Shoes“, „The Turning Point“ und „White Nights“ herstellen. Auf einer tieferen Ebene kreist die Geschichte um den Gewinn oder Verlust des einen Platzes an der Sonne, den Ninas Mutter nie einnehmen konnte, von dem Beth vertrieben wird und der Nina entschwindet, bevor sie dort richtig Fuß fassen kann. Was die Ballerina aber in den Wahnsinn treibt, ist nicht der Wunsch nach dem Scheinwerferlicht, es ist vielmehr die totale Hingabe an die Rolle, das Streben nach Perfektion. Bevor sie am Ende unter begeisterten Nina-Rufen für immer die Augen schließt, sind ihre letzten Worte: „I was perfect“. Die Geister, die sie verrückt machen, sind dann auch solche, die sie an der Erreichung dieses Ziels hindern wollen: Die Mutter, die sie einzusperren versucht und die Kollegin Lily, die sie von der Arbeit abzulenken trachtet. Im innersten Kern geht es also um eine Frau, die daran zu Grunde geht, dass sie sich in ein Ziel verbeißt und nicht mehr loslassen kann. Dieses Dilemma drückt sich schon darin aus, dass Choreograph Leroy sie kontinierlich dazu auffordert, loszulassen. Aus dramaturgischer Perspektive stehen in „The Black Swan“ Bedürfnis (loslassen) und Ziel (perfekte Performance) in einem für die Spannung optimalen Widerspruch.

FORM/GENRE
Neben der dokumentarischen Handkamera, mit der die Tanzszenen gefilmt wurden und dem exzessiven Einsatz von Spiegeln, fällt vor allem auf, wie Aronofsky bei der Erzählung einer tragischen Geschichte geschickt klassische Horrorelemente eingesetzt hat: Nina sieht Geister. Sie hat Halluzinationen und Alpträume von Körperdeformationen etc. Subtiler, aber mindestens genauso eindrücklich ist der Horror auf der Tonebene. Ganz alltägliche Situationen werden von unheimlichen Geräuschen begleitet. Immer wieder ist – kaum wahrnehmbar – ein Flügelschlag, ein Knarren, ein Hauchen zu hören. Das erzeugt nicht nur eine unheimliche Atmosphäre, das macht auf einer fast unbewussten Ebene auch die Wahrnehmungswelt von Nina und deren emotionalen Zustand erfahrbar.

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