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Film chronologisch rückwärts erzählt

You're not a killer, that's why you're so good...
Image by Hryck. via Flickr

Die bekanntesten, rückwärts erzählenden Filme sind das Ehedrama „5×2“ (François Ozon), der Revenge-Thriller „Memento“ (Christopher Nolan) und das Horror-Drama „Irréversible“ (Gaspar Noé). Als erstes fällt auf, dass zwei der drei Filme Themen behandeln, die’s normalerweise auch bei einem Arthousepublikum nicht leicht haben, ganz zu schweigen von einem unterhaltungsorientierten Popcorn-Kino-Publikum. „5×2“ und „Irréversible“ sind Dramen, an deren chronologischem Anfang  je ein Liebespaar steht, deren „Beziehungsglück“ mehr oder weniger gewaltsam zerstört wird. Der Neo-Noir „Memento“, in dem die Hauptfigur Lenny den Tod seiner Frau rächen will, passt demgegenüber schon eher in ein Multiplexkino. 

5×2 (Regie: François Ozon)
In Ozons „5×2″ begegnen sich an einem Urlaubsort ein Mann und eine Frau. Sie verlieben sich, werden ein Paar, heiraten. So weit so gut. Aber schon in der Hochzeitsnacht betrügt die frisch Angetraute den Gatten mit einem fremden Mann. Später wird er sie bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes im Stich lassen. Die beiden leben sich auseinander, lassen sich scheiden. Eine alltägliche Geschichte: Zwei Menschen erfahren Dinge über oder mit dem Partner, die so schwerwiegend sind, dass eine Entfremdung unvermeidbar ist. Nicht gerade ein Setting, um das sich Produzenten reißen? Nun, „5×2“ dreht den Spieß um, erzählt die Geschichte rückwärts. Der Film nimmt uns nicht auf die deprimierende Reise einer zum Scheitern verurteilen Ehe mit, sondern eröffnet mit einem Kriegsschauplatz, auf dem die letzten Ehe-Gefechte stattfinden, erzählt von da an rückwärts bis zum Kennenlernen an besagter Strand-Destination und endet mit einem Happy End. Das Romantik-Genre ist wohl kaum jemals so raffiniert auf den Kopf gestellt und dekonstruiert worden.

Irréversible (Regie: Gaspar Noé)
Die Welt gerät aus den Fugen: Das Horror-Drama „Irréversible“ des französisch-argentinischen Regisseurs Gaspar Noé mutet den Zuschauer/innen unerträgliche Gewaltszenen zu. Der kontroversielle Film, der nicht wenige Kritiker in Rage versetzt hat, erzählt die Ereignisse eines Abends: Die schöne Alex und ihr Freund Marcus wollen auf eine Party gehen und Alex’ Ex-Freund wird sie begleiten.  Zunächst amüsiert sie sich, aber weil Marcus ihr auf die Nerven geht, verlässt Alex alleine die Party. In einer Fußgängerunterführung wird sie brutal vergewaltigt und ins Koma geprügelt. Nachdem sie gefunden wird, machen sich Marcus und der Ex-Freund zum Rachefeldzug auf und schlagen dem vermeintlichen Täter in einem SM-Schwulenclub mit einem Feuerlöscher den Kopf zu Brei. In der filmischen Rückwärtserzählung steht die Gewalt im SM-Schwulenclub und die Suche nach dem Täter am Anfang des Films (ohne dass, man weiß, worum es geht). In der Mitte des Films sieht man eine ca. 8 Minuten dauernde Vergewaltigungsszene. Wenn man dann noch nicht aus dem Kino geflüchtet ist, erfährt man anschließend, was vorher passiert ist: Drei lässig-coole Großstadtmenschen sind auf dem Weg zu einer Party. Die letzte große Sequenz zeigt das Liebespaar Alex und Marcus, das – abends vor dem Ausgehen – von einem Telefonanruf aus einem postkoitalem Nickerchen geweckt wird. Sie wollen noch nicht so recht voneinander ablassen, aber die Zeit drängt. Bevor sie die Wohnung verlassen macht Alex noch einen Schwangerschaftstest. Es stellt sich heraus: Sie wird mit Marcus ein Kind bekommen.

Memento (Regie: Christopher Nolan)
Die Hauptfigur in „Memento“ ist Lenny, der seit einer Kopfverletzung keine Erinnerungen mehr speichern kann. Alles was länger als ein paar Minuten vergangen ist, vergisst er. In diesem „Zustand“ sucht er den vermeintlichen Mörder seiner Frau. Dies tut er mit Hilfe eines Systems von Erinnerungshilfen, wie Polaroidfotos und Tätowierungen. Auf dieses System vertraut er. Der Film beginnt damit, dass Lenny jemanden umbringt und dann wird rückwärts erzählt, wie es dazu gekommen ist. Mit jeder Szene werden neuen wichtige Fragen aufgeworfen: Warum hat Lenny getötet? Hat er den richtigen getötet? Wird er manipuliert? Am Ende stellt sich heraus, dass Lenny vermutlich schon drei vermeintliche Mörder seiner Frau umgebracht und sich bewusst auf die (falsche) Fährte seinen letzten Opfers gebracht hat, in dem Wissen, dass er die bewusste Entscheidung zum Mord vergessen würde. Lenny ist ein Killer, ohne dass er sich daran erinnern kann. Christopher Nolan wollte, dass das Publikum die Verwirrung und Paranoia der Hauptfigur nachvollziehen kann und hat sich aus diesem Grund für die Rückwärtserzählung entschieden. Aber es wird nicht die ganze Geschichte rückwärts erzählt: „Memento“ besteht aus vier verschiedenen Zeitebenen, die kontinuierlich verknüpft werden, von denen nur eine, nämlich die Hauptebene rückwärts erzählt wird.

11:14 (Regie: Greg Marcks)
Wie eingangs erwähnt, wird in allen drei Fällen vom Scheitern und Zerstören erzählt. In Zusammenhang dabei sei hier am Rande auch noch die Crime Comedy „11:14“ des Debütanten Greg Marcks erwähnt, welche rückwärts von der Verkettung unglücklicher Zufälle erzählt, die sich aus nächtlichem Cruisen mehr oder weniger dummdreister Jugendlicher ergibt und die letzten Endes zum Tod von zwei Menschen führt.

Form und Inhalt rückwärts erzähler Filme
Im Falle von „5×2“ und „Irréversible“ liegt auf der Hand, dass eine chronologische Vorwärtserzählung in einem Grauen gegipfelt hätte, das wenig geeignet wäre, beim Zuschauer Lustgefühle zu wecken. Aber derlei Rücksichtnahme wird wohl nicht der Grund gewesen sein, dass die Filmemacher auf die Suche nach einer alternativen Erzählform gegangen sind. Die Genauigkeit und Zielsicherheit, mit der beide Regisseure auf den Ausgangspunkt zusteuern, beweist, dass es sich hierbei nicht nur um eine vom Inhalt unabhängige formale Spielerei handelt, sondern dass sie nach einem Weg gesucht haben, menschliches Versagen in seinen bittersten Facetten erfahrbar zu machen. So steht am Ende beider Filme eine überwältigende Erkenntnis der Zerbrechlichkeit von Menschlichkeit und Moral, die eine große Ernüchterung über das Wesen von menschlichen Beziehungen hinterlässt. In „Irreversible“ z.B. genügt der Hass eines misogyenen Sadisten, um eine Welle von Gewalt und Zerstörung auszulösen.

Mindfuck Movies
Demgegenüber geht es den Genrearbeiten „Memento“ und „11:14″ weniger um die Dekonstruktion von menschlichen Konzepten wie „Liebe“ und „Humanität“, als vielmehr um die Konstruktion von raffinierten Erzählstrukturen, mit denen die Zuschauer/innen an der Nase herumgeführt werden. Wenn es bei den ersten beiden Filmen aus der Zuschauerperspektive gewissermaßen um die Enträtselung der menschlichen Abgründe geht, geht es in „Memento“ und „11:14″ um die Enträtselung des Plots. In der Wahrnehmung der fortschreitenden Rückwärtserzählung ist den Zuschauer/innen immer schon bewusst, dass es eine Story gibt und sie werden versuchen, diese zu erraten.

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