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Filmanalysen

Filmanalyse: 21 Grams

Regissseur Alejandro González Inárritu ist ein Meister in der Choreografie nichtlinear erzählter Episodenfilme. Schon in „Amores Perros“ verbindet ein Autounfall drei Erzählstränge, jedoch nicht in so fatalistischer Weise, wie es in „21 Grams“ der Fall ist.

KURZINHALT

Paul ist herzkrank und hat nicht mehr lange zu leben. Der Ex-Häftling Jack überfährt den Familienvater Michael und seine beiden Töchter. Alle drei sterben bei dem Unfall. Gerade noch rechtzeitig bekommt Paul das Herz des Verstorbenen transplantiert. Paul macht die Frau ausfindig, die ihren Mann und zwei Töchter verloren hat, um ihr für das Spenderherz zu danken und vielleicht zu helfen. Doch dann verliebt er sich in sie: Christina und Paul werden ein Liebespaar. Aber Paul kann das neue Herz nicht behalten und Christina kann ihre Familie nicht vergessen. Gemeinsam brechen sie auf, um den Unfalltäter Jack zur Rechenschaft zu ziehen, der wiederum Frau und Kinder verlassen hat, weil sie ihn an seine Schuld erinnern. Am Ende wird Paul sterben und mit seinem Tod Christina und Jack retten.

ZEITSTRUKTUR

„21 Grams“ ist nicht linear erzählt. Man kann grob vier Zeitebenen unterscheiden: a) Die Vorgeschichte mit knapper Figurenexposition, b) den Unfall (die Stunden davor und danach bis zur Trauerfeier), c) die Wochen nach dem Unfall (Beziehung von Paul und Christina) und d) der Showdown am Schluss. Diese vier Zeitebenen sind von Beginn an ohne erkennbares Muster nichtlinear montiert. Hier ist eine Tragödie passiert, so viel ist klar, man weiß zunächst aber nicht, wann Tod und Zerstörung passieren: in der Backstory oder im Verlauf der Geschichte? Und wer ist Täter und wer Opfer? Nach und nach erfährt man, dass ein Unfall der Auslöser dafür ist, dass sich die Wege von Jack, Paul und Christina kreuzen. Wenn man erst relativ spät beginnt, das Gesamtbild zu erkennen, so versteht man durch die Montage des Film schon sehr bald, worum es geht: um die Schicksalhaftigkeit des Lebens.

PLOT

Wenn man in „21 Grams“ einen Plot ausmachen will, dann bietet sich die tragische Liebesgeschichte von Paul und Christina an, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Paul verliebt sich auf den ersten Blick in Christina, aber wie soll er die traumatisierte Frau erreichen? Er wirbt mit allen Mitteln um sie und es gelingt ihm, dass sie sich nach ihm sehnt. Sie werden ein Liebespaar, aber die Beziehung ist von Krankheit und Verzweiflung überschattet. Er versucht sie zu retten, indem er vorgibt, den Mörder ihrer Kinder getötet zu haben. Als das misslingt, schießt er sich ins Herz, um sie daran zu hindern, Jack zu erschlagen.

PLOTPOINTS

In der Epilogszene sitzt Paul auf dem Bett neben der schlafenden Christina und raucht. Sie haben gerade zum ersten Mal miteinander geschlafen, aber die Szene hat nichts von der Leichtigkeit einer ersten Liebesnacht. In Minute 22 (von 120) sieht Paul Christina zum ersten Mal. Er folgt ihr in den Liqour Store und scheint total verwirrt. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir schon, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau zu Ende geht. Ein wichtiger Wendepunkte ist die Szene, in der Christina erfährt, dass ihre Kinder tot sind. (Min 31-34 von 120) Bald darauf stirbt ihr Mann. Paul bekommt sein Herz. Genau in der Mitte des Films, in Minute 60 bringt Paul die zugedröhnte Christina nach Hause, parkt sie in der Garage und deckt sie mit seiner Jacke zu. Der erste Kuss im Auto, nachdem Paul dort die Nacht verbracht hat und der anschließende Sex, finden in Minute 90 (von 120) statt.

THEMA

„21 Grams“ handelt davon, wie sich die Wege von drei vom Schicksal geschlagenen Menschen kreuzen. So sehr sie um Kontrolle über ihr Dasein kämpfen, es scheint kein Entkommen: Der aggressive Jack betet zu Gott, dass er ihm hilft, aber er landet doch wieder im Gefängnis. Die labile Christina hat ihre Drogenvergangenheit hinter sich geglaubt, wird aber nun von einem Schicksalsschlag getroffen, dem sie nicht gewachsen ist. Wenn jemand stabil ist und sein Leben im Griff hat – wie der Mathematikprofessor Paul und der Architekt Richard – dann ist es eben ein Unfall oder eine Krankheit, die zuschlägt. Alles gerät aus dem Gleichgewicht. Familien werden zerstört. Menschen gehen kaputt. Die Widrigkeiten des Lebens sind schon im Normalzustand ohne Religion und Therapiesitzungen nicht zu ertragen, wie soll man das Leben im Griff behalten, wenn das Schicksal seine eigenen grausamen Wege geht?

FIGUREN

Die Hausfrau Christina und der Ex-Häftling Jack sind labil und durch ihre Alkohol- und Drogenvergangenheit beschädigt. Christina und Jack scheinen unberechenbar und irrational. Am Ende sind sie es, die überleben. Der Architekt Michael und der Mathematikprofessor Paul dagegen scheinen ihr Leben im Griff zu haben. Paul stirbt mehr oder weniger an seinem Herzen und Richard ohne jegliches Zutun in einem Unfall. Am Ende ist es dennoch Paul, der das Schicksal von Christina in die Hand nimmt und so, wenn schon nicht selber, so doch zwei Menschen das Leben retten kann: Er lässt Jack leben und verhindert, das Christina zur Mörderin wird. Last but not least tut aber auch das Schicksal einmal etwas Gutes: Das ungeborene Kind in Christina wird ihr neuen Lebenswillen geben.

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